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Guten Morgen - Das erste Songbuch

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"Guten Morgen" - Unter diesem Titel erschien 1972 im Selbstverlag das erste Songbuch der Scherben mit den Texten der LPs „Warum geht es mir so dreckig“ und „Keine Macht für Niemand“. Gedruckt auf billigem Papier und im Selbstverlag herausgegeben. Ein Songbuch? Noten wird man im Gegensatz zum zweiten, in den 80ern beim Nishen Verlag erschienenen zweiten Songbuch, nicht finden. Dafür gibt es zu jedem der Texte eine Geschichte, Comics oder Fotos, die helfen sollten zu verstehen, worum es der Band ging, die sich der Grenzen, was man mit Musik transportieren kann, durchaus bewusst war und diese mit der Herausgabe von „Guten Morgen“ überwinden wollte. Die üblichen Star-Fotos wird man dagegen vergeblich suchen. Die einzelnen Bandmitglieder treten, anders als im 80er Songbuch, nirgendwo hervor. „Guten Morgen“ taugt wenig für Leute, die irgendeinem Starkult hinterherlaufen. Produziert wurde das Ganze von den Scherben und ihren Freunden mit einfachsten technischen Mitteln - weshalb man auch von der Internet-Ausgabe keine Hochglanzqualität erwarten darf – und mit einer ordentlichen Prise surrealen Humors. Lanrue, Gitarrist der Band und Meister des coolen Spruchs hätte gesagt: Echtzeit-Dadaismus. Wer was beigesteuert hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Vieles war ohnehin geklaut. Die Band scherte sich damals wenig um Urheber-, Erb- und sonstige Besitzrechte. Auch zu den Songs der Scherben wird man in dem Buch keinerlei Autorenangaben finden.

Das Heft war ursprünglich eine Beilage zu „Keine Macht für niemand“. Im pizzaschachtelgroßen Pappkarton, in dem das Doppelalbum zuerst erschien, war auch noch Platz für ein weiteres Werbegeschenk: ein Katapult. Das waren billige Drahtteile aus der Spielwarenabteilung, mit dem Schüler aus der letzten Reihe ihre Lehrerin mit Papierkügelchen ärgern, und nicht, wie die im Frühjahr des Jahres in Berlin gezeigte Scherben-Ausstellung glauben machen will, gefährliche Geräte, mit denen man Stahlkugeln verschießen und Menschen ernsthaft verletzen kann. Das Original war ein Stück doppelbödigen Scherben-Humors. Ausgerechnet, als ein Teil der ehemals antiautoritären Linken den bewaffneten Kampf ausrief und zu richtigen Waffen griff, kamen die Scherben mit einem Kinderspielzeug daher. Was man dagegen in der Ausstellung in der Hand einer martialisch mit schwarzem Handschuhen drapierten Arm einer Schaufensterpuppe sieht, kokettiert mit einer Barrikadenromantik nur um des Gruseleffektes willen.

„Guten Morgen“ zeigt, was der Band in ihren wilden Anfangsjahren wichtig war und was sie dazu auswählte ist zuweilen überraschend. Neben „Keine Macht für Niemand“ stellte sie den Text eines Bob-Dylan-Songs: All I really wanna do (is baby be friend with you) und relativiert damit das parolenhaft straßenkämpferische des Songs durch den Verweis auf Machtverhältnisse im ganz Privaten. Nebenbei sieht man hier, wo die musikalischen Vorbilder der Band lagen, die sich politisch und musikalisch als Teil einer internationalen Bewegung sah. Die Erneuerung deutschen Liedgutes, für die sie heute zuweilen vereinnahmt wird, interessierte die Band nicht im Mindesten. Wovon in „Guten Morgen“ keinerlei Aufhebens gemacht wird, sind die deutschen Texte. Wozu auch. Man sieht/hört es ja. Klar, die Scherben wollten da, wo sie lebten und arbeiteten, verstanden werden. Mit der Konstruktion irgendeiner „nationalen Identität“ hatten sie nichts am Hut.

Es ist ein unerfreuliches Produkt der letzten Jahre, dass sie zwangsverpflichtet werden für eines der Lieblingsthemen der alten wie der neuen Rechten – deren Angst vor „kultureller Durchmischung“ - die unvermeidliche Kehrseite der nationalen Identität. Einer der Sponsoren des von Rios Erben ausgelobten Rio Reiser-Songpreises 2003 ist der „Verein deutsche Sprache“ vormals „Verein zur Wahrung der deutschen Sprache“. Dessen ideologische Säulen sind die Angst vor Überfremdung und der für ein neues Nationalbewusstsein nötige Schluss der Debatte um die deutsche Vergangenheit. Mit den Scherben hat das nichts zu tun. Die haben sich gerade mit dieser Vergangenheit immer auseinandergesetzt. . Der VDS-Vorsitzende Walter Krämer der die Verwendung englischer Worte als „Selbstdemütigung“ bezeichnet, kommentierte in einer Presseerklärung eine „Girl’s Day“ betitelte Veranstaltung so: "50 Jahre nach Kriegsende kapituliert Deutschland damit zum zweiten Mal, diesmal kulturell." Jawohl – auch deshalb hörten wir in den 60ern Beatmusik. Um den nur oberflächlich zivilisierten Ex-Nazis und ihren Mitläufern, die uns ihr „bei Adolf hätte man euch...“ hinterher riefen, klar zu machen: ihr habt verloren. Und das ist gut so.

Bei einer Podiumsdiskussion anlässlich der Scherbeausstellung im Kreuzbergmuseum erzählte ein Teilnehmer, wie schön er es findet, dass heute wieder junge Menschen gegen den Krieg im Irak demonstrieren würden, wie er in seiner Jugend gegen den Krieg in Vietnam – mit dem Peace-Zeichen. Er wurde daraufhin von einem Mitarbeiter des Rio Reiser-Archivs zurechtgewiesen. Peace könne man nicht mehr sagen. Offenbar ist die Angst vor sprachlicher Durchmischung größer als die Liebe zum Frieden. So etwas kommt dann von den Leuten, die schon am Anfang der Band diese vor ihren Karren spannen wollten und von denen man sich deshalb alsbald trennte. Der Karren mag jetzt ein anderer sein, die Methode ist gleich geblieben. Nur wehren kann die Band sich nicht mehr. Ob es sich beim Rio Reiser-Archiv dabei um eine kalkulierte politische Strategie handelt, ist allerdings zu bezweifeln. Es ist wohl eher ein opportunistisches Hinterherlaufen hinter jedem, der Rio Applaus spendet, der dann via Blutsbande auf sich bezogen wird. Eine Woche ist es die PDS es, die nächste Herbert Grönemeyer und die übernächste ist es die PDS.

Natürlich distanzieren sich die Sprachschützer des VDS bei aller Ähnlichkeit der Argumentation von jedem Rechtsextremismus. Diese ideologische Schnittmenge wird auch nicht dadurch gemildert, dass Protagonisten des VDS dem „Moloch Kapital“ die Schuld an der von Horst Hensel, dem langjährigen zweiten Vorsitzenden des VDS, beklagten „tributären Unterwerfung“ Deutschlands geben. Das Kapital ist für sie nur dann schlecht, wenn es nicht deutsch ist. Die Abgrenzung nach Rechts haben die also bitter nötig, zumal ihr Kampf gegen die phantasierte „Durchmischung“ und „Durchrassung“ längst anderswo mit brutaler Gewalt geführt wird. Salonrechte wie dieser Verein liefern dazu, ohne sich selber die Hände schmutzig zu machen, die Argumente, mit denen man sich auf der Strasse solche Attacken als „kulturelle“ oder „rassische Notwehr“ legitimieren kann.

Dieses Beispiel zeigt, welchen Weg die Rezeption der Scherben seit Ende der Band und Rio Reisers Tod zu nehmen droht. Was dabei die Rolle des Rio Reiser-Vereins und seines Songpreises betrifft, handelt es sich offensichtlich nicht um einen singulären Ausrutscher. Die Presserklärung zum Songpreis 2001 schloss mit den Worten „besingt die Heimat“. Das tat dann die Siegerband und lobte das Glück des kleinen Mannes mit den Worten; „Ich komm hier aus der Provinz und hab trotzdem meinen Spaß ... Doch ich hab alles, was mich glücklich macht hier in meiner Hand - Meine Gitarre, meinen Schwanz und dein Bild an meiner Wand.“ Stilles Glück im Winkel statt Suche nach einem anderen Leben. Die Scherben besangen die Heimat auf „Keine Macht für Niemand“ noch so: „dieses Land ist es nicht...“.

Dass solche Umdeutung, die von der Entpolitisierung bis hin zur nach rechts geöffneten Tür reicht, möglich wurde, liegt an dem fortschreitenden Trennens der Musik der Scherben von ihrer politischen und Lebenspraxis, die immer mehr in Vergessenheit gerät und wo von der Band in einer Art alternativer Butzenscheiben-Romantik nur noch als „Familie“ gesprochen wird. Dabei war es gerade die Verbindung von politischen Ideen und konkreter Praxis, was die Geschichte der Band so spannend macht. Zu „Komm schlaf bei mir“, das gerne als Abwendung von der Politik missverstanden wird, findet sich ein Text zur Situation von Schwulen. Der Schlüssel zur Zeile „weißt du jetzt wer du bist“ und ungewöhnlich für die Zeit, in der das Songbuch entstand, wo auch innerhalb der Linken solche Themen noch weitgehend tabu waren – ganz abgesehen vom Rest der Gesellschaft, die Homosexuelle damals noch „im Namen des Volkes“ ins Gefängnis schickte. Daran sollten die denken, die Rio Reiser heute als „Volkssänger“ neu positionieren wollen.

Welches Volk? Oder – welcher Teil des Volkes? Da wird eine Gemeinschaft vorgetäuscht, die es nicht gibt und deren gesellschaftlichen Widersprüche gefühlsduselig zugekleistert werden mit einer Sehnsucht nach irgendeiner phantasierten vormodernen Welt, in der alles einfach und gut war. Als Vehikel dieser Traumreise wird dann ein kleinster musikalischer Nenner genommen, der immer rückwärts gewandt ist, da er an das bereits Akzeptierte anknüpfen muss. Als die Scherben mit ihren Elektrogitarren anfingen, war das ein Bruch mit der überkommenen Gemütlichkeit. Ohne jemals Eisler gelesen zu haben, folgten sie dem, was der über Jazz schrieb: „Selbst im schlechtesten und verkommensten Jazz lebt noch etwas von der Empörung der unterdrückten Neger. Hätte ich zu wählen zwischen dem übelsten Jazzschlager und einem unser miesen Tangos oder gar dem Rennsteiglied: Ich würde den Jazz wählen.“ Das selbe kann man auch über die Rockmusik der 60er sagen, die noch mit beiden Beinen fest in Blues und Soul verwurzelt war. Zum Tanzen gingen die Scherben ins International, einer Disko, die hauptsächlich von afroamerikanischen US-Soldaten frequentiert wurde. Das war ihre Volksmusik.

Die Begeisterung für schwarze Musik und das Interesse an den politischen Kämpfen der Bürgerrechtsbewegung und der Black Panther gehörten zusammen. „Guten Morgen“ geht aber über eine der üblichen Solidaritätsadressen hinaus. Im dort abgedruckten Interview mit einer amerikanischen Strassenkämpferin wird diese gefragt: „wie wirst du als Frau von deinen Leuten behandelt – anders als Männer?“ Diesen Blick auf das, was im Menschen vorgeht und ihre Beziehungen zueinander haben die Scherben auch für ihre eigene Situation. Zwei Seiten weiter reflektiert die Band die Situation der Musikers auf der Bühne, die Erwartungshaltung des Publikums. Gegen das „du musst spielen wie Jimi Hendrix“ wird ein „ich spiele wie ich“ und „jeder ist ein Star“ gesetzt. Fotos der Band wird man in „Guten Morgen“ konsequenterweise nur wenige finden. Auch wenn Anfang der 70er für die Mehrheit der Fans und Musiker das Rock-Universum noch in Ordnung zu sein schien – den Scherben waren einige Fragwürdigkeiten durchaus bewusst. Dem folgt im Songbuch ein Artikel über selbstverwaltete Jugendzentren und der Text von „Allein machen sie dich ein“. Dabei macht der Bogen von „ich spiele/bin wie ich“ zu „allein machen sie dich ein“ deutlich, dass kein Aufgehen im Kollektiv oder Volksgemeinschaft gemeint ist – ein Missverständnis, das wohl der Grund dafür ist, das dieses Lied auch gerne von Rechtsradikalen wie der Band „Landser“ gesungen wird.

Die Scherben waren wie ein Schwamm, der die ganzen um sie herum in der Luft liegenden Begriffe aufsog. Die Texte der Band sind oft musikalisch überarbeitete Gesprächsprotokolle. Anfang der 70er, als die antiautoritäre Bewegung sich aufzulösen begann in Anhänger exotischer Gurus auf der einen und Gründer mehr oder weniger proletarischer Parteien auf der anderen Seite, lag in dieser Luft auch vieles von dem Versuch jener Gruppen, wenigstens rhetorisch an die Arbeiterbewegung der 30er anzuknüpfen. Vieles von dem kam aus dem Scherben-Schwamm erst nach längerem Nachdenken wieder hervor, so dass dann immer mindestens eine dieser Gruppen Verrat rief, wenn sie das Ergebnis hörte. Ausgerechnet eine Vokabel wie Volk, scheint von der Band unreflektiert übernommen worden sein. Jene Fernsehdiskussion von 1972, die mit den berühmten Axthieben Nikel Pallats (das Foto findet sich in Guten Morgen), des damaligen Managers der Scherben, endete , beginnt mit dessen Statement, die Scherben würden „Musik für das Volk machen“. Sehr pathetisch – und mit der ersten Gegenfrage wird er auch gleich wieder zurück auf den Boden gebracht. „Was ist, wenn das Volk nicht gut ist?“

Dabei dachte dieser Teilnehmer der Diskussionsrunde nicht einmal an die besonders dunklen Kapitel der deutschen Geschichte . Er fragt nur, was denn ist, wenn das Volk sich mehr für das neue Auto als für die Revolution interessiert. Und gar so unreflektiert hat auch die Band den Begriff „Volk“ nicht benutzt. „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“ spricht da deutlich dagegen. Genauso wie „Warum geht es mir so dreckig“ einem fetischisierten Arbeitsbegriff eine Absage erteilt. Die Scherben sahen ihre Zielgruppe (ein Begriff, den man damals gar nicht kannte) bei denen, die es erst gar nicht in diese Mühle geschafft hatten, und auch nicht in das dazugehörende Volk – Jugendlichen, Trebegängern, Gammlern, Drogensüchtigen und Ausgeflippten. Alle, auf die eine Mehrheit des Volkes herabschaute, weil sie zu jung, zu unnütz oder beides waren. Für alle diese Mühseligen und Beladenen hatten die Scherben ein offenes Haus. Ein Anspruch, der allerdings innerhalb kurzer Zeit zum Problem wurde, denn die nahmen die Band beim Wort, was dazu führte, dass in der Scherben-Wohnung am Gleisdreieck die Musiker bald eine Minderheit waren.

Was ab den frühen 60er in Westdeutschland zu brodeln begann, war ja eben nicht eine soziale Bewegung aus dem Schulbuch der orthodoxen Marxisten, ausgelöst durch die alle Jahre wieder vorhergesagte ökonomische Krise des Kapitalismus. Auslöser des Pariser Mai waren die repressiven Reaktionen der Obrigkeit auf Aktionen der Studenten, die sich gegen die rigide Hausordnung der Studentenheime richteten, die auf strikter Geschlechtertrennung beharrten. In Deutschland waren es die Schwabinger Krawalle, die am Anfang der rebellischen Geschichte stehen. Die wurden ausgelöst durch das harte Vorgehen der Polizei gegen langhaarige Gitarrespieler in der Fußgängerzone. Solche Leute wurden im anderen Deutschland, dem Staat der Arbeiter und Bauern auch nicht besser behandelt. Tatsächlich regierenden „Arbeiterparteien“ und denen, die erst noch regieren wollten, gaben die Scherben aus dieser Erfahrung eine klare Absage mit „keine Macht für Niemand“. Von der Wirkung der Zeile „wir müssen hier raus“ auf Hörer in der DDR waren die Scherben dabei erst einmal überrascht, denn daran hatte man gar nicht gedacht. Dennoch hatten die Hörer die Band völlig richtig verstanden. Da macht es ziemlich ärgerlich, dass das „Festival Musik und Politik 2003“ in einer Ausstellung die Scherben gemeinsam mit dem ostdeutschen Oktoberklub präsentiert. Das „Sag mir wo du stehst“ des Oktoberklub war eine musikalische Gesinnungsprüfung, eingefordert von denen, welche die Macht hatten, jeden, der die falsche Antwort gibt, Mores zu lehren – das Gegenteil von „Keine Macht für Niemand“. Das landet alles gemeinsam in einem Topf, auf dem steht „Heimat deine Lieder“ und wo es nicht mehr um links sondern nur noch um deutsch geht. Die andere Begründung, warum man meinte, das zusammenwerfen zu können, war der Schautafel zu entnehmen. Der Sänger der Scherben trat 25 Jahre nach „Keine Macht für Niemand“ der PDS bei. Dazwischen lagen 25 Jahre der Enttäuschungen und Verwirrungen, die etwas über die Person und ihren weiteren Lebensweg sagen – aber wenig über die Scherben, als sie diese Lieder komponierten.

„Unordentlich“ wie das politische Credo der Band ist auch das Äußere des Songbuches. Die Ähnlichkeit zu amerikanischen Undergroundzeitschriften der 60er und zu französischen Publikationen vor allem der Situationisten ist unübersehbar. Die Collagen aus verfremdeten Zeitungsausschnitten und mit neuen Sprechblasen versehenen Comics haben dort ihren Ursprung, wie auch viele der griffigen Slogans. Die standen im Pariser Mai an den Wänden, ehe sie bei den Scherben zu einprägsamen Textzeilen wurden. Unübersehbar ist die Ähnlichkeit von„Guten Morgen“ zu den Punk-Fanzines, die Ende der 70er erscheinen sollten, ohne allerdings deren direkter Vorläufer zu sein. Die Ähnlichkeit ist das Ergebnis gemeinsamer Vorbilder. Die Frage, ob die Scherben die erste deutsche Punkband waren, muss man wohl ähnlich beantworten.

Was die Graffiti-Sprayer des Pariser Mai sicher nicht im Sinn hatten war, dass ihre Parolen mit drei Gitarrengriffengriffen und einem Copyright versehen in den Regalen der Plattenläden landen würden. Genau so wenig, wie es ihrem Kunstbegriff entsprach, jeden Abend die immer gleichen Lieder zu spielen – für ein Publikum, das genau für diese „gleich bleibende Produktqualität“ bezahlt hat. „Ich will ich sein“ bekommt da bald einen unangenehmen Nachgeschmack, der heruntergespült sein will. Wo bleiben da Freiheit und Phantasie? Ein Widerspruch, mit dem auch die den Scherben nachfolgenden, als rebellisch apostrophierten Musikstile konfrontiert sind. Johnny Rotten verabschiedete sich beim letzten Konzert der Sex Pistols mit der Frage von seinen Zuschauern, ob sie das Gefühl gehabt hätten, beschissen worden zu sein. Meinte er sich oder das Publikum? Wahrscheinlich beide. Die Bilanz der Scherben dürfte da ein wenig besser ausfallen. Immerhin für ein paar Jahre hatten sie es geschafft, ihre Sache selbstbestimmt zu machen.

Wenn man, was in Mode gekommen ist, die Scherben zum Punk-Vorläufer erklärt, dann liegt die Verbindung in gemeinsamen Vorbildern und dem Gefühl, möglichst schnell sagen zu müssen, was einen beschäftigt . Obwohl die Scherben den ruppigen Sound eigentlich eher für einen Betriebsunfall hielten, standen sie dazu. Punk war nicht homogen. Das reichte vom radikalen künstlerischen Experiment, wo es eher von Vorteil war, kein Instrument spielen zu können und damit frei zu sein von musikalischen Traditionen, bis zum Punk-Rock, der musikalisch konventionell dem Drei-Griffe Garage-Rock der 60er verwandt war. Auf der Ebene der Musik gibt es, wenn überhaupt, eine Verwandtschaft von Scherben zum Punk-Rock. Dazu gehörte bei den Scherben ein eher biederer Begriff vom musikalischen Handwerk. Das gilt auch für ihr Verhältnis zur Kunst. Dieser Bravheit fiel der erste Entwurf für das Cover von „Macht kaputt was euch kaputt macht“ zum Opfer – eine von Blalla Hallmann im Stil amerikanischer Underground-Comics gezeichnete Massenorgie. Es stellt sich allerdings die Frage, ob dieses Zurückschrecken vor dem „gesunden Volksempfinden“ eine Entscheidung der Band war oder ihrer damals noch zahlreichen Berater, für die eine fragwürdige Volkstümlichkeit Teil ihrer Parteigründungs oder Kunststrategien war.

Zehn Jahre später wäre ein solches Cover eines von vielen gewesen. Burkhard „der Zensor“ Seiler, der einen der ersten Läden hatte, in dem man Punk aber auch alle radikalen künstlerischen Experimente kaufen konnte und der die ersten Platten von Malaria und den Einstürzenden Neubauten herausbrachte, riet seinen Bands: macht eure Cover mit dem Kopierer selber. Auf das Vorbild Scherben verwies er dabei wahrscheinlich nicht. Für eine radikale künstlerische Bewegung wie Punk gehörte es zum guten Ton, kein Vorher zu kennen. Der Zensor selber kannte dieses Vorher. Er war Ende der 60er Mitglied im SDS und Gast im „Zodiak Free Arts Lab“, einem vom Beuys-Schüler Conrad Schnitzler zusammen mit einigen Freunden gegründeten Club, in dem der Satz „jeder ist ein Künstler“ Programm war und in dem vor dem Auseinaderfallen der antiautoritären Bewegung noch einmal alle vereint waren – die Maler, die Musiker und die, die den Weg des bewaffneten Widerstands wählten. Die Idee, ihre Platten selber zu produzieren hatten die Scherben von Schnitzler und seinem Freund Klaus Freudigmann, der die ersten Scherbenplatten aufnahm. Es ist ein bisschen Mode geworden, Entwicklungslinien aufzuzeigen von Dada bis Punk und in die Gegenwart. Dafür gibt es durchaus Berechtigung. Personen wie Schnitzler und Seiler sind die, die geholfen haben, diese Ideen von einer Welle dieser Entwicklung zur nächsten zu tragen.

Heute beziehen sich viele, vom Schlagersänger bis zur NDW-Revival-Band, auf die Scherben und Rio Reiser als ihre Vorbilder. Oft als bloße Floskel, ohne von diesen Wurzeln zu wissen. Die Bandbreite der Hinterlassenschaft zwischen Karl Marx und Karl May macht es allerdings auch jedem leicht, sich das herauszupicken, was er ge- und manchmal auch missbrauchen kann. Die Scherben selber haben in ihrer ländlichen Abgeschiedenheit von diesen Entwicklung nicht viel mitbekommen. Punk erwischte sie auf dem falschen Fuß. Sie hatten es genau in dem Augenblick geschafft, wie eine normale Rockband mit Keyboard-Zuckerguss zu klingen und zu funktionieren, als dies als ziemlich uncool galt.

Das war die Stunde der Frauen in Fresenhagen. Sie waren es leid, nur die „Freundinnen von...“ zu sein. Das Do-it-yourself des Punk kam für sie genau im richtigen Augenblick. Bald gingen Carambolage, ihr Trio, auf Tour. Der erste Stopp war Berlin, wo Burkhard Seiler sie ins S.O. 36 holte – in die Oranienstraße, wenige hundert Meter von der Stelle, wo die Scherben-Geschichte begann. Während die Männer in Fresenhagen blieben und nicht recht wussten, wie es weitergehen soll. Obwohl sie mit der Theatermusik für Transplantis und dem Schwarzen Album noch einmal erstaunliche kreative Kräfte freigesetzt und sowohl textlich wie musikalisch neue Wege beschritten hatten und dabei mit der Energie und dem collagehaften Text von „Jenseits von Eden“ den Bogen zum frühen „Macht kaputt was euch kaputt macht“ schlossen, schien ihnen der Atem ausgegangen zu sein. Und das nach einem Album, das von vielen mit einiger Berechtigung für ihr bestes gehalten wird, aber leider nicht den erhofften Erfolg hatte. Zum Teil lag das am unprofessionellen Sound der selbst aufgenommenen Platte. Aber wahrscheinlich war es einfach das richtige Album zur falschen Zeit. In der Flut von neuem und aufregenden, die damals erschien, ging es einfach unter.

Carambolage tourten derweil landauf landab und nahmen zwei LPs auf. Dann gerieten sie aber unter die Räder des kommerziellen NDW-Ausverkaufs und zerstritten sich über die Frage, ob sie das mitmachen sollten. Die Promo-Fotos im hautengen Leder waren schon gemacht, als einigen dämmerte, worauf man sich da einlässt. Aus dieser Zeit stammt die Freundschaft Rio Reisers mit Blixa Bargeld, der bei Transplantis als Beleuchter gearbeitet hatte. Rio hatte sich, als ihm in Fresenhagen die Decke auf den Kopf fiel, eine Zweitwohnung in Berlin gemietet und war in diesen brodelnden Kessel eingetaucht. Er wohnte neben dem Laden des Zensors und versorgte von dort aus Carambolage mit den neuesten Platten. Musikalisch blieb das allerdings für ihn weitgehend ohne Folgen. Mit seinen Solo-Alben suchte er eher Anschluss an den kommerziellen, als NDW markteten Abklatsch dessen, was mal als wilde Suche nach etwas Neuem begann.

Musik als Ware – in „Guten Morgen“ wird über eine Aktion gegen einen kommerziellen Veranstalter berichtet, dessen Konzerte man stürmte, weil man die Eintrittspreise zu hoch fand und das Geld keinem politischem Zweck dienen sollte. Amüsant, das heute zu lesen. Wo doch einige der übrig gebliebenen Mitglieder der Band in Interviews und auf etlichen Buchseiten jammern, die „Linken“ hätten damals nie genug Eintritt für die Konzerte der Scherben bezahlt und wären so schuld am mangelnden finanziellen Erfolg. Ganz abgesehen davon, dass deren Einteilung der Welt in „wir“ (die Band) und „die“ (die Linken) nach der Lektüre des Songbuches einigermaßen lächerlich erscheint - viel weiter nach links als mit diesem Buch, hätte die Band sich kaum bewegen können - die Gründung einer eigenen Plattenfirma erfolgte nicht nur, um inhaltlich keine Kompromisse machen zu müssen. Damit war auch die Hoffnung verbunden, dass die Musik nicht zur Ware werden würde. Dieser Versuch, sich den Regeln des Marktes zu entziehen musste wohl gescheitert und die Band ging pleite. Leider ist das, was man heute von ehemaligen Bandmitgliedern, selbsternannten Nachlassverwaltern und angeblichen Nachfolgebands hört nicht Trauer um die gescheiterte Utopie sich in einer Gesellschaft, in der die kapitalistische Warenlogik alles durchdringt, eine Insel zu schaffen, sondern Gejammer darüber, dass man überhaupt mal daran geglaubt hat, statt wie Andere den Reibach machen.

„Neues Glas aus alten Scherben“ texteten „Deutschland, Deutschland mit dem Rücken zur Wand, nimm dein Schicksal in die eigene Hand“. Wenn die damit in irgendeiner Nachfolge stehen, dann nicht in der Scherben, wie sie sich in „Guten Morgen“ präsentieren. Solche Slogans dürften eher beim VDS und dessen Phantasien vom kolonisierten Deutschland Beifall finden. Wobei es allerdings einen Unterschied gibt. Während die Protagonisten dieses Verein genau wissen, was sie tun, ist es sicherlich Unsinn, den Musikern von „Neues Glas“ irgendeine politische Zielvorstellung zu unterstellen. Die Geschäftsgrundlage von Pop-Musik ist der Opportunismus. Um die Ware Musik an den Mann zu bringen, darf man Geschmack und Vorurteilen des Käufers nicht gar zu weit vorauseilen. Wer das tut, wie die Scherben in ihren wilden Jahren, wird mit Armut bestraft. Die Scherben haben sich davon (finanziell) nie erholt. Den Fehler wollen Bands wie „Neues Glas“ nicht wiederholen und werden deswegen nicht müde in Interviews zu erzählen, das Politik für sie nur ein Ballast ist, den sie Gott sei Dank abgeworfen haben. Sie haben gelernt, dass es sich nicht auszahlt, sich politisch zu weit aus dem Fenster zu lehnen. Jedenfalls nicht nach links. Die „Böhzen Onkelz“ dürften hingegen ausgesorgt haben.

Womit wir in der Gegenwart angekommen wären. Im Angesicht der Legendenbildung und Distanzierungen der letzten Jahre gibt diese wieder aufgetauchte Selbstdarstellung der Scherben die Möglichkeit, sich ein Bild zu machen ohne auf fünfzehn oder mehr Jahre nach Ende der Band entstandene Texte angewiesen zu sein. Das Songbuch stellt die Band wieder in den Kontext von Diskussionen und Kämpfen, in dem sie entstanden war. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Vorwort von „Guten Morgen“. Dort heißt es: „was wir gemacht haben, kann jeder machen“. Was die Scherben damals wollten, war nicht der kaufende Fan, der danach zu den Klängen der teuer erworbenen Platte unterm Rio Reiser-Starschnitt einschläft. Ihr Ideal war der Fan, der durch die Scherben angetörnt wird, selber was zu machen. Das steht in ziemlichem Kontrast zu dem Genie-Kult, der heute um Rio Reiser betrieben wird und in der zur Schaustellung seiner schaurig illuminierten Totenmaske gipfelt. Ein Kult, der in seiner gebetsmühlenartigen Wiederholung der Mär vom unermüdlichen und unvergleichlichen Schaffen des Meisters den Fan automatisch auf die Rolle des passiven Bewunderers reduziert – und Käufers.

Dieses Genie wird dann gleich wieder auf Schrebergarten-Maß zurechtgestutzt in dem endlos über Rios Begeisterung für Karl May und deutschen Schlager gefühlsduselt wird. Da erfährt man dann, wie sehr er sich für Marlene Dietrich und Zarah Leander interessiert hat. Ohne zu fragen, wie das zusammenpasst – eine Nazi-Gegnerin und eine Kollaborateurin. Zum einen kommt man, wenn man sich für deutschsprachige Musik interessiert an Songschreibern wie Holländer und Weill nicht vorbei. So viel von vergleichbarer Qualität gibt es nicht. Und bei den beiden Diven ist der Grund für das Interesse auch das sexuell zweideutige, das sie umgibt. Bei Zarah Leander ist es auch die Geschichte dahinter. Ihr Texter Bruno Balz („Davon geht die Welt nicht unter“) wurde von der Gestapo verhaftet – wegen seiner Homosexualität. Auf Goebbels persönlichen Befehl hin wurde er freigelassen. Seine Lieder waren kriegswichtig. Klar, dass sich Rio für so etwas interessiert hat. Das aber so zu erzählen, dass es als Subtext eine Hinwendung zur deutschen Heimat bekommt, ist einfach nur dämlich.

Man findet in „Guten Morgen“ auch einige Stellen, die mit dem Blick zurück ein Fragezeichen bekommen. Da ist zum Beispiel ein naiver Glauben an den „edlen Wilden“, der mittlerweile bei einigen umgeschlagen ist zu purem Hokuspokus, Geister- oder Horoskopglauben oder in ein anti-aufklärerisches Bild von Mensch und Natur, dass auch von der Rechten propagiert wird. Als aber „Guten Morgen“ entstand, war das noch nicht abzusehen und den Scherben gehört das Verdienst, frühzeitig die Wichtigkeit ökologischer Themen erkannt zu haben. „Menschenjäger“ ist mit den Bildern eines mit dem Gewehr zielenden deutschen Polizisten und einem Foto Golda Meirs, der damaligen israelischen Ministerpräsidentin, illustriert. Diese Gleichsetzung hat einen ziemlich unangenehmen Beigeschmack, denn der Kommandant der Westberliner Polizei trug den Spitznamen „SS-Werner“ – als Anspielung auf die Zeit, in der er seine Erfahrungen gesammelt hatte. In Russland bei SS-Einsatzkommandos. Der Beigeschmack wird nicht geringer, wenn man an Horst Mahlers Weg von der RAF zur NPD und zum glühenden Antisemiten denkt. An solchen Stellen zeichnen sich die Bruchlinien ab, an denen das, was Mitte der 60er begann als breiter Aufbruch gegen das miefige, verklemmte Deutschland mit seinem unter den Teppich gekehrten Grauen, wieder auseinander fallen sollte. Und damit auch irgendwann die Band. In Fresenhagen, dem Bauernhof auf dem die Scherben seit Mitte der 70er lebte, finden heute Tarot-Kurse statt. Da wo es einmal hieß „alles verändert sich, wenn du es veränderst“ ist der Mensch wieder zurückgefallen vom Macher der Geschichte zum Opfer undurchschaubarer Mächte des Schicksals und der Vorsehung, denen man bestenfalls mit etwas Hokuspokus in die Karten schauen kann.

Wolfgang Seidel
Juni 2003

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Kommentare

Steffi am 19.02.2015
Songbuch Datei >> nicht gefunden... schade...
grützwurst am 24.04.2015
ja schade. kann das vielleicht jemand, der es hat nochmal hochladen?
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