Datum
10.12.1971Medium
Berliner MorgenpostAusgabe
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R. KrönkeJugendliche Demonstranten in das Rathaus zur Beratung eingeladen
Martha-Maria-Haus des ehemaligen Bethanien seit vorgestern besetzt
Eine Delegation der Jugendlichen Besetzer aus dem Martha-Maria-Haus des ehemaligen Bethanien-Krankenhauses am Mariannenplatz in Kreuzberg wird heute um zehn Uhr Gelegenheit erhalten, dem Bezirksamt ihre Forderungen vorzutragen. Das war das Ergebnis einer Diskussion, die Kreuzbergs Stadtrat für Jugend und Sport und stellvertretender Bezirksbürgermeister Erwin Beck (SPD) gestern mit den Demonstranten führte. Der Stadtrat gegenüber der Berliner Morgenpost: "Ich halte es für positiv und einer Demokratie angepaßt, daß man sich die Meinung der Gegenseite anhört."
Erwin Beck hatte in einem überfüllten Raum des Martha-Maria-Hauses mit den Demonstranten diskutiert und dabei die Einladung an die Besetzer ausgesprochen, ihre Forderungen heute auf dem Bezirksamt vorzutragen. Das leerstehende Martha-Maria-Haus war am Mittwoch nach einer Veranstaltung in der TU besetzt worden. In einem Flugblatt hatte die "Basisgruppe Kreuzberg Heim- und Lehrlingsarbeit" zur Besetzung des Gebäudes aufgefordert, da "es leerstehe und der Senat sich nicht entscheiden kann." Wie in einem Teil unserer gestrigen Ausgabe bereits berichtet, war es auf dem Mariannenplatz zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den 300 Demonstranten gekommen.
Nach dem Polizeibericht sind Funkwagen, die auf dem Mariannenplatz eintrafen, von den meist jugendlichen Störern mit Steinen beworfen worden. Daraufhin wurden Ersatzkräfte angefordert. Vergebens wurden die Demonstranten dreimal aufgefordert, den Platz zu räumen. Danach haben die Polizeibeamten Tränengas geworfen und gingen mit Schlagstöcken gegen die Menge vor. Dpa hat berichtet, daß durch die Steinwürfe drei Fahrzeuge beschädigt worden sind.
Gestern erzählte dagegen einer der jugendlichen Besetzer des Hauses: "Die Knüppel waren zuerst da - die Steine flogen viel später!" Nach Angaben eines Sprechers der Jugendlichen sollen zwei Demonstranten Platzwunden am Kopf davongetragen haben. Einer der verletzten will gehört haben, daß ein Polizeibeamter in Erregung geschrien hat: "Haut doch das Schwein nieder."
Bei der Diskussion gestern abend trugen Sprecher der Demonstranten ihre Forderungen dem Jugend-Stadtrat Erwin Beck und seinem Begleiter, Finanzrat Günter Funk (CDU) vor. Danach soll das Martha-Maria-Haus der Arbeit von vier Gruppen zur Verfügung gestellt werden, die sich unter anderem mit der Betreuung und Beratung von Trebegängern (Jugendliche, die aus Heimen oder von zu Hause ausgerissen sind) und Drogenabhängigen befassen wollen. "Wir brauchen das Haus so schnell wie möglich" argumentierten die Besetzer. Nicht nur bei der Arbeit mit Drogenabhängigen hätten bisher die zuständigen Gruppen versagt, sondern auch bei der Heimarbeit. "Deshalb ist es in Berlin dringend erforderlich, daß eine Alternative zu den Heimen geschaffen wird."
Die Jugendlichen fordern weiter Selbstverwaltung für das Haus, finanzielle Unterstützung vom Staat und Planstellen im Etat für zwei Ärzte, zwei Psychologen und zehn Sozialarbeiter, die in dem Haus ihre Arbeit aufnehmen sollen.
Der Kompromissvorschlag Stadtrats Beck, zuerst einmal ein einem Modellfall eine Wohngemeinschaft in einer Etage einzurichten, wurde abgelehnt. Ein Sprecher der Demonstranten betonte, daß dieser Vorschlag von der Arbeit von nur einer Gruppe ausgehe, inzwischen seien es aber vier Gruppen geworden, die auf diesen Gebieten arbeiten. Eine Wohngemeinschaft sei daher zuwenig.
Eindringlich warnte Erwin Beck, der vorsichtig durchblicken ließ, daß zumindest bis heute mittag die Polizei das Haus nicht mit Gewalt räumen werde, daß "Irrationale" bei der Besetzung des Hauses den "Bogen überspannen".





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