Datum
29.12.1971Medium
B.Z.Ausgabe
309Seite
6AutorIn
Evelyn KöhlerNach der Besetzung:
Im Bethanien geht´s jetzt an die Arbeit
Drei Wochen nach der spektakulären Besetzung des ehemaligen Martha-Maria-Hauses im Bethanien-Komplex haben sich die Wogen der Erregung auf beiden Seiten geglättet. Das Jugendzentrum e.V. und das Bezirksamt Kreuzberg konnten sich gestern auf einen vorläufigen Nutzungsvertrag einigen. Die Hausbesetzer geben sich mit zwei Etagen statt der geforderten vier zufrieden.
Bis ein endgültiger Vertrag zustande kommt, will die Behörde die nötigen 500 Mark für die Versicherung des Gebäudes übernehmen. Außerdem soll bis Anfang des Jahres geklärt werden, wer die Kosten für sozialpädagogische Kräfte sowie für den Lebensunterhalt einzelner Jugendlicher in dem Haus trägt. Das Bezirksamt stimmte den Forderungen der Besetzer zu, daß in beiden Etagen entlaufene Heimzöglinge aufgenommen und legalisiert werden sollen. Aber das Projekt für sogenannte Trebegänger ist dermaßen kostspielig, das der Senator für Familie, Jugend und Sport mit einer kräftigen "Finanz-Spritze" aushelfen muß.
In der letzten Woche hat sich in dem ehemaligen Schwesternheim einiges verändert. Nicht nur der Name "Georg-von-Rauch-Haus" ist verschwunden. Auch die anarchistische Randgruppe "Schwarze Hilfe" zog samt radikaler Demagogen aus. Jetzt wohnen nach Angaben von Jugendstadtrat Erwin Beck rund 70 Trebegänger, Schüler, Studenten und Sozialarbeiter in den Etagen. Um die jungen Leute bei ihrem Vorhaben zu unterstützen, haben zahlreiche Berliner Familien Möbel, Wäsche und auch Geld gespendet.
Anfang Januar wird es in dem 96-Zimmer-Trakt noch ein bißchen voller werden. Die Eltern-Kind-Schüler-Gruppe "Florian" will in vier Räumen der ersten Etage ihre Arbeit aufnehmen. Der dritte Verein, der sich damals um das Martha-Maria-haus bemüht hatte, ist inzwischen ausgeschieden: Die Release-Gruppe, die sich um Suchtabhängige kümmert, hat vom Bezirksamt eine leerstehende Druckerei in der Oranienstraße für ihre Zwecke zugewiesen bekommen.





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