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Datum

20.04.1972

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Berliner Morgenpost

Ausgabe

0

Seite

3

AutorIn

D. Discher

Bethanien: Terrorzentrum oder Experimentierfeld mit Fehlern?

Bei Razzia in Wohnkollektiv Materialien für Attentate gefunden

Vom Turm des Bethanien-Krankenhauses am Mariannenplatz in Kreuzberg hallten vier Glockenschläge. Autotüren klappten, plötzlich geisterten Scheinwerferstrahlen über geklinkerte Fassaden. Fast lautlos bildeten Polizisten eine Kette um das ehemalige Krankenhausgelände. Nur neun Minuten später standen Uniformierte und Beamte in Zivil (sie sind von der Kripo) auf den Gängen des Martha-Maria-Hauses, das jetzt von einem Wohnkollektiv in anarchistischer Heldenverehrung "Georg-von-Rauch-Haus" genannt wird.

Vor dem Morgengrauen gelang gestern früh der Polizei eine organisatorische Meisterleistung. Etwa 400 Polizisten - unter ihnen ungefähr 150 Kripobeamte - riegelten innerhalb weniger Minuten unter der Einsatzleitung des Kriminaldirektors Alfred Eitner von der Abteilung I (sie ist für politische Delikte zuständig) das Gelände des ehemaligen Krankenhauses ab.
Ziel der Aktion war das Martha-Maria-Haus, in dem zur Zeit 66 Personen leben. Wir hatten mit etwa 100-150 gerechnet, sagte gestern vormittag Alfred Eitner.
Ausgelöst wurde die Großrazzia durch konkrete Hinweise. Danach sollten im Martha-Maria-Haus Feuerlöscher des Typs gesehen worden sein, die als Zeitbomben beim Sprengstoff-Anschlag auf den britischen Yacht-Club in Gatow am 2. Februar dieses Jahres verwendet worden waren. Dabei kam der 66jährige Bootsbauer Erwin Beelitz ums Leben.

Als Brandstifter gesucht

Außerdem hatte die Polizei den Tip bekommen, daß sich der 24jährige Heinz Brockmann in dem Wohnkollektiv des ehemaligen Krankenhausgebäudes aufhalte. Er wird wegen menschengefährdender Brandstiftung gesucht. Gegen ihn wurde Haftbefehl erlassen, weil er beschuldigt wird, vor etwa zwei Jahren in den Räumen einer Wilmersdorfer Leasing-Firma in der Bundesallee ein Feuer gelegt zu haben.
Auch für das Raubdezernat der Kripo schien die Razzia interessant. Denn sie erhielt einen Hinweis, daß in dem vom Wohnkollektiv besetzten Haus ein 17 Jahre alter Jugendlicher lebt, der wegen Straßenraubs gesucht wird.
Die beiden Gesuchten wurden während der achtstündigen Aktion nicht gefunden. Dagegen wurden insgesamt 28 Bewohner des Gebäudes vorläufig festgenommen.; die Hälfte von ihnen kam in "polizeiliches Gewahrsam". Es ging vor allem darum, die Identität festzustellen. 23 wurden nach kurzer Zeit wieder freigelassen. Von den fünf noch Festgenommenen sind drei dringend verdächtig, sich an Sprengstoffverbrechen beteiligt zu haben. Ein Haftbefehl wegen schweren Diebstahls wurde bereits vollstreckt. Der "Fünfte im Bunde" steht unter dem Verdacht, die Bildung einer Bande begünstigt und eine Abtreibung vorgenommen zu haben.

Für Abtreibungen

In einem Raum der "Schwarzen Hilfe" wurden neben zahlreichen rezeptpflichtigen Medikamenten - sie wurden vom Amtsarzt sichergestellt - auch Instrumente gefunden, die zur Abtreibung benutzt werden.
Dazu ein Sprecher des Wohnkollektivs: "Diese Instrumente stammen aus einer aufgelösten Wilmersdorfer Klinik." Und die Senatorin für Familie, Jugend und Sport, Ilse Reichel, in einer Pressekonferenz: "Für uns ergab sich kein Verdacht der Abtreibung."
Bei der Durchsuchung beschlagnahmte die Polizei Schwefelsäure, Salpeter und Glyzerin. Das sind chemische Stoffe, mit denen man hochexplosiven Sprengstoff herstellen kann und die auch bei Anschlägen in der letzten Zeit verwendet wurden. "Es ist absurd, zu vermuten, daß es in diesem Haus Sprengstoff gibt", sagte ein "Mitglied des Hauses" während der polizeilichen Untersuchung.

"Zeitzünder"

In einer späteren Presseerklärungbetonte das "Kollektiv", daß das von der Polizei sichergestellte "Einbruchswerkzeug" aus einer "Hobby-Werkstatt" stamme, daß eine "Rohrbombe" ein "kaputtes Wasserrohr" sei und "Batterien und Wecker" von der Polizei als "Zeitzünder" mitgenommen wurden. "Danach läßt sich jeder normale Haushalt je nach Bedarf als Terrorzentrale bezeichnen", heißt es in der Kollektiv-Erklärung.
Aber: Die Polizei fand auch handschriftliche Aufzeichnungen über die Herstellung von Spreng- und Brandsätzen sowie Funkgeräte.
In der "Kollektiv-Erklärung" heißt es weiter, daß der CDU durch die Großrazzia eine willkommene Angriffsfläche für die parteiinternen Machtkämpfe geliefert worden sei.
Der dem Ausschuß für Familie, Jugend und Sport vorstehende CDU-Abgeordnete Dolata argumentierte in einer schriftlichen Stellungnahme: "Nach Ansicht der CDU haben sich die zuständigen Stellen als unfähig oder unwillig gezeigt, die Entwicklung im ehemaligen Martha-Maria-Haus zu beurteilen und zu kontrollieren. Anders ist es nicht zu erklären, daß sich das Jugendzentrum zu einem kriminellen Terrorzentrum entwickeln konnte."
Die Befürchtungen der CDU, daß trotz Zusage eine ordnungsgemäße Aufsicht nicht gewährleistet werden könne, haben sich bestätigt, heißt es weiter in der offiziellen Erklärung. Zuständige Senatsdienststellen werden aufgefordert, Wiederholungen an bereits erkennbaren Stellen in anderen Bezirken von vornherein zu verhindern. Die CDU-Fraktion des Abgeordnetenhauses droht mit einer parlamentarischen Behandlung dieses Themas.
Zwischen herumliegenden Matratzen, Farbtöpfen und schmutzigem Geschirr - die Ankündigung auf dem Schwarzen Brett "Donnerstag 10 Uhr Saubermachen - alle" liest sich wie echoloser Ruf - klingt die Drohung der Kollektiv-Bewohner, sich zu wehren, massiver. Sie rufen nach Solidarisierung - und werden sie mit Sicherheit finden. Sie erheben die Finger und drohen: "Unsere Solidarität wird jetzt noch größer sein."

Ansprüche erfüllt

Eine gewisse Solidarität erfährt das Kollektiv im Bethanien-Krankenhaus auch von der Jugendsenatorin Ilse Reichel. Sie bittet, die Vorwürfe nicht pauschal einem sozialpädagogischen Versuch anzulasten. Wobei sie nicht ausschließt, daß sich auch Straftäter in solchen Kollektiven niederlassen können. In erster Linie habe das Wohnkollektiv sich darum gekümmert, Arbeitsplätze für Jugendliche aus "defekten Familien" zu schaffen und den Schulbesuch zu organisieren. Diese Ansprüche seien vom Jugendzentrum weitgehend erfüllt worden.
"Die mir bisher bekannten Ergebnisse lassen den Schluß nicht zu, daß das sozialpädagogische Experiment versagt hat", erklärt Ilse Reichel. Sie läßt lediglich den begründeten Verdacht gelten, daß einzelne Mitglieder des Kollektivs Straftaten begangen haben können, die auch geahndet werden müssen.

Heimstatt gefunden

Kreuzbergs Jugendstadtrat Erwin Beck ist schon im wesentlichen der Meinung "seiner" Senatorin. Er registriert gute Fortschritte bei allen vorhandenen Schwierigkeiten der sozialpädagogischen Arbeit im Wohnkollektiv des ehemaligen Krankenhaus-Gebäudes. Beck betont, daß "Geschädigte der Gesellschaft" eine Heimstatt gefunden hätten. Über die Zukunft des Wohnkollektivs kann er keine verbindliche Auskunft geben. Denn sie wird erst in Absprache mit der Senatsverwaltung für Familie, Jugend und Sport entschieden, wenn ein detaillierter Polizeibericht vorliegt. Das war gestern nachmittag noch nicht der Fall.
"Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser", lautet die gestrige Erkenntnis. Bei allem Wohlwollen für die Gruppe kommt Jugendsenatorin Ilse Reichel aber auch zu dem Schluß: "Kontrolle bringt noch keine Veränderung." Und das scheint Kritik an der Großrazzia, die nach Ansicht der Senatorin kein positiver Beitrag zum sozialpädagogischen Experiment ist, zu sein.

Anmerkungen

Diese Razzia besingt Rio Reiser in dem "Rauch-Haus-Song". Eine Beschreibung der Razzia aus der Sicht von Bommi Baumann findet sich ebenfalls im Artikelarchiv.
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