Datum
20.04.1972Medium
B.Z.Ausgabe
0Seite
4AutorIn
Rudolf Müller"Der Versuch ist nicht gescheitert"
Nicht versagt" hat nach Auffassung der Jugendsenatorin Ilse Reichel das "sozialpädagogische Experiment" im ehemaligen Bethanien-Krankenhaus. Die Senatorin appellierte an die Öffentlichkeit, die Vorwürfe "nicht pauschal dem sozialpädagogischen Versuch anzulasten". Es bleibe lediglich der begründete Verdacht, daß einzelne Mitglieder des Kollektivs Straftaten begangen haben könnten, die auch geahndet werden müßten.
Die Senatorin hob hervor, daß bei der Arbeit mit Randgruppen wie in Bethanien niemals ausgeschlossen werden könne, daß auch Straftäter dort Aufnahme finden oder daß Jugendliche während ihrer Zugehörigkeit zum "Kollektiv" straffällig werden.
Immerhin sei es den Sozialarbeitern in diesem Haus gelungen, den Aufenthalt von 28 Jugendlichen "zu legalisieren". Damit ist gemeint, daß diese Jugendlichen im Bethanien-Haus polizeilich mit der Zustimmung der Eltern angemeldet werden konnten und jetzt geregelt arbeiteten und zur Schule gehen.
Die Senatorin bestätigte. daß der Senat erhebliche Gelder in das Bethanien-Haus investierte: Für das "Kollektiv" wurden Kühlschränke, Geschirr und die gesamte Wohneinrichtung beschafft. Für den Lebensunterhalt von etwa 65 Personen wurden sechs Wochen lang täglich pro Person neun Mark gezahlt.
Ganz anderer Meinung war gestern die CDU. Sie vertrat die Auffassung, daß sich die zuständigen Stellen "unfähig oder unwillig" gezeigt hätten. Nur so sei es zu erklären, daß sich das Jugendzentrum "zu einem kriminellen Terrorzentrum entwickeln konnte". Die CDU kündigte par1amentarische Konsequenzen an.





noch keine Kommentare