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Datum

00.04.2000

Medium

Hempels Straßenmagazin

Ausgabe

48

Seite

28

AutorIn

John Banse, T.Tiger

Neues Glas aus alten Scherben. Rio Reiser & Ton Steine Scherben

Der Geist von Rio...
lebt & wirkt weiter - erzählt uns John - in diesem uralten, friesischen Landhaus, das die Band vor 25 Jahren gekauft hat und zu ihrem Domizil erklärte. John Banse und Michaela hüten und versorgen das Anwesen. Hempels hat sie in Fresenhagen/Nordfriesland besucht.


"Damals in Berlin, das war 1970, waren wir die ersten Rollheimer. Wir zogen mit Zirkuswagen durch die Gegend und spielten auf den Straßen Theater.
Hoffmanns Comic Teater nannte sich die Truppe um Rio Reiser und Fiffi Lanrue - aus der dann die Band TSS entstanden ist.
"Natürlich in Kreuzberg, auf einem Hinterhof - bei 2 renommierten Schwarzdruckern, wurde die erste Platte gepresst und auch mit (6000) gutem Erfolg unter der Hand verkauft. Damit war Ton Steine Scherben geboren.
"Ikke, John Banse, war damals 14 Jahre alt und gerade aus dem Heim verduftet, als ich Rio und die Leute der Band kennenlernte. Von da an war ich dabei. Zuerst habe ich mich im LKW versteckt und bin hinterher gereist. Das ist jetzt 30 Jahre her, und Rio verdanke ich alles, was ich heute bin.
"September 1970 - Ton Steine Scherben auf Fehmarn. Ein paar Kieler Knallköppe haben ein "Woodstock" auf der Insel organisiert. Jimi Hendrix gibt sein letztes Konzert. Für die Scherben ist dies der große Auftritt. Aber, leider haut der Veranstalter mit der Knete ab und es gibt nichts.
John und Michaela führen uns Hempels um das Haus herum und wir stehen vor dem Grab von Rio. Moni hat Blumen mitgebracht und wir pflanzen Margeriten und Wildrosen. Vom Norden weht ein kalter Wind und der unendlich weite Himmel legt sich über uns wie ein Traum.
Wenn der Wind vom Norden weht, in dieser endlosen Weite - dann ist es, als brächte er die Lieder von Rio aus fernen Ländern über's Meer zurück an sein Grab. Wie ein Traum - so weit & offen erstreckt sich der nordische Himmel über unseren Köpfen, so daß wir uns ganz klein vorkommen. Land in Sicht...Land in Sicht...so lautet der Titel eines Liedes von Rio. Es ist das Totenlied der Scherben.
Wir gehen mit John und Michaela (John's Freundin) in die warme, gemütliche Küche. Es riecht nach frischem Kaffee. Michaela hat den Tisch gedeckt und wir futtern erstmal ein paar Stullen. Dann, als wir nach dem Essen ein wenig rauchen und plaudern, ist die Befangenheit auf beiden Seiten einer herzlichen Freundschaft gewichen.
John erzählt aus seinem langen Leben mit Rio und der Band. Aus der stürmischen Zeit der Studentenrevolte in Berlin und den besetzten Häusern. Wir schwelgen so richtig dicke in der "guten alten Zeit". Als unsere Generation noch als Hippie und Gammler beschimpft wurde und wir noch stark waren, dagegen kämpften, um nicht so zu werden wie unsere Väter.
"Wir waren damals alle zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Musik kann eine Waffe sein! Die Umstände haben gezeigt, daß wir als Musiker vom Staat verfolgt wurden. Die haben alles in einen Topf geworfen und einmal kräftig durchgerührt - 2. Juni, Baader/Meinhof Bande, RAF usw. Ständig wurden wir Bands von Bullen gefilzt.
Ton Steine Scherben spiegelte die Zeit wieder, in der wir damals lebten. Wir wurden zum Sprachrohr einer ganzen Generation. Die Welt zu verändern, war unser Ziel.

- Neunzehnhundertfünfundsiebzig -

"Wenn die Nacht am Tiefsten...", das war die neue Platte und gleichzeitig verlassen die Scherben Berlin. Sie kaufen dieses wunderschöne Friesenhaus auf dem Lande. Der ganze Berliner Haufen siedelt über nach Fresenhagen in Friesland. Für einige war es unerträglich, diese ländliche Stille, Wind, Sonne, frische Luft, nicht zum Aushalten. Großstadtentzugserscheinungen treten auf. Aber der harte Kern bleibt - macht weiter & geht auf Tour mit "Macht kaputt, was euch kaputt macht".

"In den 80er Jahren war Fresenhagen der Mittelpunkt der Musikszene. Alle waren hier. Lindenberg, Nina Hagen, Tina Turner einfach jeder hat mal ein Wochenende in Fresenhagen verbracht. Die Vertreter von allen progressiven Plattenfirmen sind hier rumgelaufen. Aber wir hatten ein eigenes Label -David Volksmund Produktion. Deshalb haben wir auf diese Geier geschissen. Wir
haben unsere Platten selbst aufgenommen & konnten sie auch billig verkaufen." - John lacht.
Michaela & Hempeline Moni haben sich in der Weite des Hauses verloren - aus einem Zimmer hören wir Klavierspiel - den Flohwalzer aus weiter Ferne.Wir, Micha & t. tiger haben uns eine Flasche Flensburger aufgemacht - John kippt einen kleinen Cocgnac. Dann gehen wir nach nebenan & spielen eine Runde Billard.

Der heiße Herbst 1983

Bei eisiger Kälte spielen TSS zu einer Menschenkette von 150.000 Menschen. Mittlerweile war die Band um Rio Reiser zur Kult-Band aufgestiegen. Rio hatte für die Hauptrolle in "Johnny West" die goldene Filmpalme (180 gr Gold) erhalten. Die Grünen locken - wollen die Scherben vor ihren Karren spannen. Volle Häuser überall da, wo die Scherben auftreten. Längst ist Rio ein Star. Anete Humpe & Gareth Jones produzieren ihn. Aber die dunklen Wolken ziehen auf, als sich die Firma Sony um Rio & Band bemüht.
Wieder eine Tounee durch den Frühling.
1985 beschließt die Band, am Schlesischen Tor in Kreuzberg eine live LP mit Cover-Songs zu produzieren.
"Rio ist jetzt schon 4 Jahre tot & für mich war Rio immer sowas wie ein Pflegevater. Ihm verdanke ich alles! Seitdem ist die Scherben-Familie in alle Winde verstreut. Aber wir wollen hier das wieder aufbauen, wofür wir uns all die Jahre eingesetzt haben. Die freie Republik! Dieses Haus ist das Erbe von Rio Reiser & soll in seinem Geist wieder auferstehen.
"Wie wir so gemütlich plaudern, entdecken wir, wie klein die Welt nun einmal ist. Da kennt einer von uns wieder den & der kennt jemand, den du selber wieder kennst. Da wundert sich einer zu recht, wenn selbst spanische Straßen genannt & fremde Städte plötzlich zu realistischen Bildern werden.
Das Klavierspiel ist verstummt & die letzte Billardkugel liegt ruhig auf grünem Untergrund - während draußen vor dem Fenster der unendliche Himmel langsam sein Blau verliert & sich abendlich dunkel kleidet. Noch einmal wandere ich ums Haus herum, vorbei am verlassenen Tonstudio, an der baufälligen Scheune & bleibe stehen an Grab von Rio. Für uns Hempels war dies ein erlebenisreicher Tag. Wir haben etwas gelernt - das uns alle angeht & über den Tod hinaus.
Nun, da es draußen dunkel geworden ist, haben wir uns in der Küche versammelt & sitzen bei Kerzenschein um den Küchentisch herum. Die Jungs von Hempels trinken noch ein Bier. John hat seine Gitarre geholt & zupft die Töne zurecht. Ein Frieden breitet sich aus im Raum. Es ist kuschelig warm & urgemütlich. Dann spielt John auf - ganz so, als hätte er noch nie etwas anderes getan - die guten, alten Lieder einer ganzen Generation. John spielt die Songs von Ton Steine Scherben auf eine ganz eigene Art - so, daß sie nicht einfach nachgespielt und -gesungen werden - nein, ganz anders: Sie haben ihren eigenen Zauber!
Das Gitarrenspiel, der Gesang & Rio Reisers schönste Lieder verzaubern uns für lange Zeit. Es ist schon dunkle Nacht, als wir aufbrechen, um die Heimreise nach Kiel anzutreten. Wir hängen auf der Rückfahrt unseren Gedanken nach - soviel haben wir erlebt & gehört. Da bleibt noch was zu sagen...

Anmerkungen

http://www.hempels-ev.de, erzählt von John Banse, niedergeschrieben von T.Tiger, Fotos von Nadine G, MS
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