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Datum

00.08.2006

Medium

melodie & rhythmus

Ausgabe

11

Seite

62-64

AutorIn

Gunnar Leue

Ein untypisch radikaler Linker

Gregor Gysi im M&R-Interview über die Gründe, warum Rio Reiser 1990 in die PDS eintrat und wie Gysi mit Rio backstage die Revolution plante.

M&R: Herr Gysi, haben Sie die Songs von Rio Reiser beziehungsweise Ton Steine Scherben in der DDR gehört?

GREGOR GYSI: Ich glaube schon, dass ich ein paar Lieder von Rio gehört hatte, weiß aber heute nicht mehr wann und wo, vermutlich im Westradio. Erst Ende der Achtziger wurde er ja auch bei uns gespielt. Aber im Prinzip wusste ich nicht viel über ihn. In meiner naiven DDR-Bürgersicht stellte ich mir vor, dass er wahrscheinlich so eine Art anarchistischer Chaot ist.

M&R: Wann haben sie ihn persönlich kennen gelernt?

GREGOR GYSI: Als wir in der PDS im Oktober 1990 unseren Finanzskandal hatten und alle völlig fertig waren, kam eines Tages Rainer Börner (damals PDS-Abgeordneter und heute Geschäftsführer des Rio Reiser-Archivs/Anm. d.Red.) zu mir und sagte: Jetzt bin ich eigentlich wieder optimistisch. Rio Reiser hätte ihm In erzählt: Nun erst seid ihr für mich eine ernst zu nehmende Partei, weil ihr selbst zum Klauen zu dämlich seid!" Weil Rio sich gern mal mit mir unterhalten wollte, haben wir drei uns dann in einem Café am Fernsehturm getroffen.

M&R: Worüber haben Sie gesprochen?

GREGOR GYSY: Wir haben uns über die Situation in Deutschland unterhalten. Ich war menschlich sehr angetan von ihm, weil die Art unseres Gesprächs sehr angenehm war. Ich erlebte Rio als einen sehr gefühlsreichen Menschen, der eine Schwäche für Minderheiten besaß und wusste, dass die PDS in Deutschland in eine extrem schwierige Lage kommen würde. Da wollte er sich solidarisch zeigen. Das passte ja zu seinem ganzen Leben, denn er war ein Linker, der stets seine inneren Gefühle gezeigt hatte, was ja nun eher untypisch für radikale Linke ist. Die tun immer so, dass sie keine Gefühle haben.

M&R: Wer kam letztlich auf die Idee mit dem PDS-Eintritt, er oder Sie?

GREGOR GYSI: In unserem ersten Gespräch es ging nicht um die Aufnahme in die PDS. Allerdings ich hatte ihn auch gefragt, ob er sich vorstellen könne, uns zu unterstützen. Das konnte er durchaus, denn er wies auch auf seine Erfahrungen mit den Linken im Westen hin. Das Interesse, etwas gemeinsam zu machen, bestand also gegenseitig. Er war sowieso ein sehr selbst bestimmter Mensch, der sich nichts einreden ließ. Ehrlich gesagt, hätte ich ihn das gar nicht getraut zu fragen, ob er in die PDS eintreten wolle. Das war letztlich sein Angebot. Meine Person hat insofern vielleicht eine Rolle gespielt, als Rio meine nicht ganz leichte Situation in der Öffentlichkeit sah und ihm das auch etwas wehtat.

M&R: Und dann wurde er förmlich PDS-Mitglied?

GREGOR GYSI: Wir hatten das im November 1990 gemeinsam auf einer Pressekonferenz bekannt gegeben und am selben Abend überreichte ich ihm auf einer Wahlkampfveranstaltung in Bonn die Mitgliedskarte. Danach hat er „Keine Macht für niemand" gespielt. Er hatte ja unterschiedliche Phasen mit seiner Musik, wobei es mich überhaupt nicht störte, dass er später nicht mehr so radikale Lieder sang. Die hatten ja trotzdem eine sehr menschliche Aussage. Aber in Deutschland wird alles furchtbar ideologisch betrachtet und deshalb war Rio nach seinem Lied „König von Deutschland" für Teile der Linken im Westen erledigt. Sie billigten einem halt nichts Individuelles zu. Was mit der eigenen Anschauung nicht übereinstimmt, wird abgelehnt. Traurig, aber es ist so.

M&R: Durch den PDS-Eintritt war er bei den Westlinken erst recht unten durch. Wie hat er das aufgenommen?

GREGOR GYSI: Darüber hat er nie etwas gesagt, wie er sich übrigens auch nie beklagte, dass seine Lieder nach seinem PDS-Eintritt weniger gesendet wurden. Was er mir gesagt hat war, welche Fehler wir im Westen begingen und das wir dort radikaler auftreten müssten. Ich antwortete ihm dann immer, dass wir als relativ starke Partei im Osten mit einem bestimmten Wesen im anderen Teil Deutschlands nicht mit einem völlig anderen Profil antreten könnten. Was wir wohl beide unterschätzt haben – unabhängig von der schwierigen Geschichte meiner Partei – war, dass sie eben für viele Westdeutsche doch eher eine ausländische Partei war. Die DDR war weiter weg als Frankreich und Italien, das musste ich auch erst begreifen.

M&R: Wie sah denn die Parteiarbeit von Rio Reiser aus?

GREGOR GYSI: Er hat uns viel in Wahlkämpfen unterstützt, auch im Osten. Da gab es sehr angenehme Zwischenfälle, aber auch unangenehmere, wo er in einem Zustand war, in dem er gar nicht mehr singen konnte. Da musste man dann halt durch, dafür hatte ich nun wieder Verständnis, aber andere etwas weniger. Aber er wird sicher zu keiner Parteiversammlung gegangen sein. Das war ja auch okay.

M&R: Hatte er überhaupt Kontakt zur PDS-Basis?

GREGOR GYSI: Ich weiß, dass die Potsdamer ihn mal eingeladen hatten und er dem auch folgte. Es gab schon eine Neugierde auf ihn, aber natürlich gab es auch viele Mitglieder in der PDS, denen er kulturell völlig fremd blieb.

M&R: Die sahen in Anarchos und Hausbesetzern eher Chaoten?!

GREGOR GYSI: Aber selbstverständlich, das war Rio jedoch klar. Er wusste, wo wir her kamen, dass die SED eine kleinbürgerliche Partei war und dass sich das in der PDS selbstverständlich widerspiegelte, auch in kulturellen Kämpfen. Wir haben Wahlkampfveranstaltungen erlebt mit wunderbarem deutschen Volksliedgut. Um so mehr gefiel mir, dass PDS-Mitglieder dann so einen wie Rio Reiser zu akzeptieren lernten. Früher wären sie dazu gar nicht bereit gewesen, so aber dachten sie auch über sich selbst ein bisschen neu nach. Das fand ich aufregend und Rio reizte das in gewisser Hinsicht ebenso.

M&R: Was erstaunlich ist, weil er ja eigentlich mit Parteien gar nichts am Hut hatte und auch früher nicht bei den Grünen eingetreten war, obwohl er sie ebenfalls im Wahlkampf unterstützt hatte.

GREGOR GYSI: Er war ja nicht naiv, sondern wusste, dass unsere Organisation nicht so aussah wie er sich eine Organisation vorstellte, wenn er sich denn überhaupt eine vorstellen konnte. Das hatte aber eben viel mit der damaligen politischen Situation in Deutschland zu tun und wie wir behandelt wurden. Als wir einigermaßen in der bundesdeutschen Gesellschaft etabliert waren, wäre er wahrscheinlich wieder ausgetreten.

M&R: Er ist es bis zu seinem Tod nicht?

GREGOR GYSI: Nein.

M&R: Sein enger Freund Lutz Kerschowski erzählte einmal, Rio sei in Wahrheit unglücklich gewesen, weil man ihn in der PDS nur als „Kulturbeilage" betrachtete. Hatten Sie das ebenfalls gespürt?

GREGOR GYSI: Natürlich war er nicht mit allem zufrieden, aber einen PDS-Austritt hätte er erstens sicher mit mir vorher besprochen und zweitens wohl auch öffentlich vollzogen, was aber nicht der Fall war.

M&R: Rio soll seine Enttäuschung darüber, dass sich die PDS nur mit ihm als prominenten Musiker schmückt, in einem Brief an Sie geschrieben, den aber nicht abgeschickt haben. Wussten Sie das?

GREGOR GYSI: Nein, davon höre ich zum ersten Mal. Er hat mir allerdings mal gesagt, dass er das Gefühl hätte, wir würden ihn als Musiker und Künstler ernst nehmen, jedoch nicht als politischen Berater. Und der wollte er in Bezug auf die Linken im Westen sein. Aber so hat man ihn in der PDS nicht gesehen, was auch mit seiner Antiorganisationsbiografie zusammenhing. Insofern ist seine Kritik berechtigt gewesen.

M&R. War Rio also doch der nützliche Idiot für die PDS, wie ein Kritiker in einem Nachruf schrieb?

GREGOR GYSI: Das ist natürlich Quatsch. Rio ließ sich gar nicht benutzen, tat was er wollte. Es war seine Entscheidung. Er wusste sehr genau, wer wir sind und worin unsere Schwächen liegen und auch genau, wie die deutsche Gesellschaft die Einheit organisiert, eben nicht als Vereinigung und welche Stellung wir darin haben. Und er hatte ja auch die Hoffnung wie ich, dass es damals gelingen könnte, schrittweise eine gesamtdeutsche linke Partei zu installieren. Nun erlebe ich es noch und er leider nicht mehr.

M&R. Sie glauben, er würde sich über die Linkspartei und ihre Geburt aus Anarchie und Chaos freuen?

GREGOR GYSI: Er würde das Zusammengehen von West- und Ostlinken und die gemeinsame Partei begrüßen. Und deshalb wäre er, bei aller Liebe zur Anarchie, nicht bei denen, die sie verhindern wollen. Dazu war er politisch viel zu klug. Über einzelne Sachen hätte er sich natürlich ziemlich aufgeregt.

M&R: Rio Reiser war kein politischer Träumer?

GREGOR GYSI: Er wusste, dass seine Positionen nicht mehrheitsfähig sind, aber er hielt sie für wichtig, insofern war er auch ein Träumer. Ich fand das ausgesprochen menschlich, dass er einerseits die Realitäten zur Kenntnis nahm und gleichzeitig seine Träume behielt.

M&R: Hatten Sie noch regelmäßig Kontakt zu ihm, als es ihm 1996 schlecht ging?

GREGOR GYSI: Zum Schluss leider weniger, was mir auch Leid tut, denn ich wusste ja von seiner Krankheit. Ich hatte mich auch hinterher sehr geärgert, dass ich nicht auf seiner Beerdigung war, aber zusammen mit Lothar Bisky war ich auf dem Abschiedskonzert im Berliner Tempodrom. Das war sehr angenehm.

M&R: Haben Sie einen Lieblingssong von Rio Reiser?

GREGOR GYSI: „König von Deutschland" finde ich schon ziemlich gut, der hat soviel Witz. Überhaupt gefällt mir, dass seine Texte so frech, spontan und rebellisch sind. Ich habe mir die schon genau angehört, weil ich Rio oft ansagte, wenn er im Wahlkampf nach mir auftrat. Hinterher haben wir oft zusammen getrunken und gequatscht.

M&R: Und die Revolution geplant?

GREGOR GYSI: Selbstverständlich. Und wenn wir angeheitert waren, wurden wir auch immer revolutionärer, wie es sich gehört. Im Nachhinein denke ich auch, ein paar längere Gespräche mit ihm hätte ich ruhig machen und dafür auf irgendwelche anderen Termine verzichten sollen.

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