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Datum

00.02.1976

Medium

Musik Express/Sounds

Ausgabe

0

Seite

11-12

AutorIn

Thommi Herrwerth

Ton Steine Scherben

Liebe singen und Revolution

Rockmusik (oder was sich so nennt) mit deutschen Texten ist seit Udo Lindenberg ein Verkaufsschlager, auf den die Industrie setzt. Die Folge: Eine wahre Invasion massiger Quantität, mäßiger bis peinlicher Qualität. Jetzt sogar mit Inga Rumpf. Daß es schon lange vor "Alles klar auf der Andrea Doria" deutschsprachigen Rock gab, die Sache also ganz und gar nicht eine Erfindung von Udo ist, geriet darüber arg in Vergessenheit.

Das hat natürlich seinen Grund: Deutsch-Rock vor Udo, das war in erster Linie Polit-Rock. Und der wird gerne totgeschwiegen. Lindenberg gehört - trotz einiger Sozialkritik - zum guten Ton. Ja, sogar so blasse Gestalten wie jener Marius Müller-Westernhagen (noch nie gehört? - nichts versäumt!) kommen uns jetzt mit einer eigenen Fernsehshow.

Nun, die Flöhe haben sich mittlerweile ganz gut mit den Gewerkschaften und der roten Mutti DKP arrangiert und konnten sich somit in weiten Kreisen einen Namen machen. Anders Ton Steine Scherben. Siesind weiterhin noch so was wie ein Geheimtip.

TSS machen seit mehr als sechs Jahren Musik. Sie stellen ihre Platten im Eigenverlag her, der "David-Volksmund Produktion" in Berlin. Den Vertrieb macht für sie Trikont, ein linker Alternativ-Verlag in München. Das hat den Nachteil, daß es ihre Platten fast nur in linken Buchläden zu kaufen gibt. Die wiederum gibt's nur in den größeren Städten. Die Provinz bleibt TSS-los.

TSS sind für die Rockscene so was wie Peter Schneider ("Lenz") für die Literatur-Szene. Politisch sind sie der undogmatischen Linken zuzuzählen. Das heißt: Sie grenzen sich streng ab von Doktrinären aller Schattierungen, sei es von autoritären Kommunisten a la DDR/DKP, sei es von "proletarischen Massenorganisationen" a la KWB/KPD/ML/AO/XY/Rote Fahre/Rote Einheit.

TSS setzen sich weniger zur Aufgabe, politische Zusammenhänge aufzuzeigen, so wie es etwa die Flöhe tun. TSS rotzen Gefühle aus, vermitteln Sehnsucht nach Freiheit, provozieren Lust an Revolution, machen Mut, radikalisieren und sensibilisieren.

Der größte Teil ihrer Lieder sind Liebeslieder. Ein Thema also, mit dem schon soviel Schindluder getrieben wurde, daß man glaubte, es eigentlich nur noch so geschickt wie möglich umgehen zu können. TSS durchbrechen dieses Tabu:

Die Sonne kommt
Und du bist hier
Ich kann dich fühlen
Du bist ein Teil von mir
Weißt du jetzt, daß du frei bist?
Weißt du jetzt, wer du bist?
Ich bin nicht über dir
Ich bin nicht unter dir

Komm!
Schlaf bei mir!

Ich hab Kraft, denn ich liebe dich
Ich hab Mut, denn ich liebe dich

Du machst mich groß
Du machst mich stark
Jetzt weiß ich erst sicher
Wozu ich geboren bin

Komm!
Schlaf bei mir!

Das hat nichts zu tun mit jenem landläufigen "Ich leb nur für dich allein". Nichts mit Vorgaukelei, mit totaler Projektion aller Gefühle auf einen Menschen, den man besitzt. Das ist: Liebe als Solidarität. Aus Liebe Kraft schöpfen. Sich gegenseitig Mut machen. Mut zu kämpfen. Du begreifst, was man dir heute vorenthält, und du begreifst, was du schaffen mußt für ein besseres Morgen. Du spürst: Das ist nicht gemacht, das ist echt, du kannst dich voll mit identifizieren. TSS spielen und singen nicht über Liebe, sie spielen und singen Liebe.

Anmerkungen

Mit "Flöhe" ist die Band "Floh De Cologne" gemeint, mehr dazu in Büchern über 70er-Rock oder Polit-Rock.
Der zitierte Text aus "Komm schlaf bei mir" ist nicht ganz korrekt.
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