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Datum

00.06.1983

Medium

Konkret

Ausgabe

6/83

Seite

70

AutorIn

Caroline Fetscher

Geniale Dilettanten

Die Rockgruppe »Ton, Steine, Scherben« ist auf Tournee. Zusammen mit »Schroder Road Show« rocken sie in 33 Staaten 33mal vier Stunden lang.

Es ist Sommer in Nordfriesland. Die ländliche Musik-Boheme ist ausgeflogen, »Ton Steine Scherben« sind auf Tournee. Auf dem einsamen Hof sitzen nun fünf als Wächter und Schließer bestellte Paare bis in die Nacht wach und spielen Skat.
Wir kennen uns erst seit heute. Die gute Laune ist noch unsicher, als um zwei Uhr draußen Schritte scharren und die Hunde bellen. Nervös geworden greifen wir nach Schürhaken, leeren Flaschen, Werkzeugen, durchkämmen in unvermittelter Panik das Haus. Wir finden niemanden. Schließlich sagen wir uns, Einbrecher hätten es wohl auf die Anlage im Studioschuppen abgesehen gehabt. Doch nichts erklärt den wilden Angstausbruch von zuvor.
Heute weiß ich, vor wem wir den Scherben-Hof schützen mußten: Vor Rachegeistern nämlich, die die Gruppe fast schon seit ihrem Hit »Keine Macht für Niemand!«, 1972, verfolgen. Denn die Scherben leben einen Traum, den andre sich verbieten. Sie haben sich von niemandem zähmen lassen, keiner Mode gehorcht, sich nicht funktionalisieren lassen, den Deckel jeder Kiste gesprengt, in die man sie gesteckt hat, keinen Promoter den Rahm ihres Erfolges abschöpfen lassen, nicht zuzulassen, daß die Schrumpfkopfjäger der Medien sie abhäuten.
»Ton Steine Scherben« sind fünf Musiker - mitunter zwei bis drei mehr -, die 1970 als erste Rockband deutsche Texte schrieben.
Mit »Macht kaputt, was Euch kaputt macht« feierten sie ihr Debüt als Kampfgruppe der Berliner Subkultur. Im Gegensatz zu anderen utopisch-naiven Formationen gibt es sie heute noch. Im Mai und Juni dieses Jahres touren sie mit der Band »Schroeder Road Show« (»Bonn bei Nacht«) durch Deutschland. Berlins TEMPODROM wäre beim Konzert bald geplatzt, und das Publikum war jünger als im letzten Jahr. Sänger Rio Reiser: »Von zehn aufwärts singen die mit«. Evergreens und Hits sind härter, rhythmusbetonter geworden, voll kryptischen Witzes und manchmal verzweifelt die Songs der im März 1983 rausgekommenen LP »Scherben«, die seltsam selten im Radio gespielt werden.
Als die Scherben 1975 abgekämpft aufs Land umsiedelten, geben sie fast vier Jahre lang keine Interviews mehr. Von den Massenmedien fühlen sie sich »zugleich etikettiert und boykottiert«, um sich selbst betrogen.
Die im gleichen Jahr aufgenommene LP »Wenn die Nacht am tiefsten« (...ist der Tag am nächsten!) und zwei Tourneen 1976 überbrücken die Schweigepause. Der Scherben-Musik fehlen jetzt Häuserkampf und Mach-ne-Faust-aus-deiner-Hand, dafür gesteht sie die Verunsicherung der Dürreperiode ein, in der die Szene, das ganze Land Identitätsnot leidet: »Ich komm aus der Wüste aus Stahl und Glas/Ich komm aus der Wüste aus Angst und Haß/Wo die Menschen verhungern auf der Suche nach Liebe...zeig mir den Weg hier raus!«
Zur Jahrzehntwende brach offiziell die Eiszeit aus. Die Scherben wurden nicht tiefgekühlt, aber düsterer, verworrener, wie ihr schwarzes Doppelalbum »Scherben IV« vom Januar 1981, mit dem apokalyptischen »Jenseits von Eden«, dem Lied an das Ungeborene: »Bleib wo Du bist!«.
Die Wende in Bonn wendete auch die Scherben von heute. »Laß uns ein Wunder sein« heißt mutig eins der schönsten Lieder der neuen Platte. Ein Wunder sind sie. Denn sie sind weder glorreiche Komponisten noch Lyriker. Ihr Erfolg ist vielmehr ein alchemistisches Ereignis: Gewöhnliche Metalle verschmelzen zu Gold. Im Mittelalter wäre aus ihnen ein aufrührerischer Vagantenhaufen geworden, beim »Sturm und Drang« Kämpfer für Liebe und Freiheit.
Deshalb hat die Gesellschaft der Dekadenten und Zyniker, die Equipe der Coolness des modernen Musiktreibens, auch Grund zum Neid auf die von ihr verachteten, uncoolen Fossilien. Denn die Scherben sind zwar immer Zeitgeist, aber nie modisch. Sie verschenken sich, zersplittern, können trauern und sich wieder sammeln, und das macht stark.
Kern des Gruppenkerns und Herz der Scherben ist Rio Reiser, 32, Sänger, Berliner Prophet. Er ist zart, singt hart und warm und eigen. Mit jedem Publikum korrespondiert er: »Auf der Bühne habe ich kein Aller.« Er erscheint als der radikalste der Gruppe, Anti-Dogmatiker, Unakademiker, wie die andern: »Mit dreizehn wollte ich mich nicht konfirmieren lassen, ich dachte der Teufel versucht mich«, grinst er. Seine Ironie ist angeboren, sie ist berlinisch, nicht böse.
Sein Leben lang ist er von Ort zu Ort gereist, überall so zu Hause, wie in verschiedenen Religionen und Scenes. Schon die Mama, erzählt er, nahm den kleinen Rio Heiligabend nicht mit zu den sühnenden Brotkanten-Protestanten, sondern in die Heilige Messe, zu den Katholiken. »Die Show fand sie einfach besser«, wirft Rio salopp hin.
Von der Bibel und von Thomas Müntzer lernt Rio so gern wie von Patricia Highsmith und Lawrence Durrell und moderner Polit-Inszenierung. Im nordfriesischen Fresenhagen sieht man alle paar Monate die Peking-Oper auf Video. »Davon haben wir auch unsre Lightshow geklaut«, gibt Rio zu. Mao ist für ihn der Mann des Jahrhunderts. »Er hatte Humor, er war klar, durchbrach immer wieder alte Grenzen.« Ebenso liebt er Papst Johannes Paul I., wegen seines Satzes: »Gott ist sowohl Vater als auch Mutter.«
Rio, wenn er im Konzert das Ende von Herr- und Knechtschaft besingt zu Jahrmarkts-Rockmusik »Der Turm stürzt ein!«, brüllt, läßt in der Ecke des Saales, wohin sein Finger weist, imaginäre Wolkenkratzer im Bruchslaub zerkrachen. Unwillkürlich dreht sich alles hin, um das zu sehen, erschrocken, begeistert, als der Rock-Prophet »Hallelujah!« ruft, und sich zum »Amen« beinah selbst auslacht.
Der Prophet hat nicht nur Charme und Kraft, er hat eine Erotik, die der von Mick Jagger gleicht. Nur ist sie zarter, schwankender, humaner. Er singt, auf Zehenspitzen federnd vorm zu hoch angebrachten Mikrophon, verströmt Power, dass sogar kleine, hartgesottene Punkies in seinen Liedern baden und ihr gefärbtes Igelhaar vorn vor der Bühne in Lärm und Licht auf und niederfliegt. Dennoch: Die letzten Gerüchte von »Ton, Steine, Scherben« sind düster. Sie wollen sich auflösen.
Bitte, überlegt's Euch nochmal?

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