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Datum

00.09.1972

Medium

Hundert Blumen

Ausgabe

3

Seite

AutorIn

Ton Steine Scherben

Musik ist eine Waffe

Das sind die Ton-Steine-Scherben, da ist oben links der Kai, der spielt Baß, daneben der Schlotterer als religiös/ideologischer Berater und Flötist, einer weiter der Nickel, der spielt Saxophon und singt und leitet die Organisation. Der letzte in der Reihe, das ist der Ralph, der spielt die Rhythmusgitarre, sitzt am Klavier und singt auch ganz schön. Vor den Vieren sitzen links der Captain, der spielt Schlagzeug und neben ihm der Fiffi, der Mann an der Sologitarre. Die einzige Frau in der Gruppe, und deshalb auf einem Extraphoto, das ist die Angy. Sie spielt gelegentlich Percussions und ist mit dem religiösen Berater befreundet. Alle bis auf Schlotterer waren Lehrlinge, der Schlotterer hat nur einen Schweißerlehrgang mitgemacht. Heute arbeitet keiner mehr von ihnen mehr in der Produktion, sie können sich mittlerweile mit ihrer Musik über Wasser halten.

Die Gruppe macht keine Tourneen und spielt nie auf kommerziellen Rockveranstaltungen. Meistens ist es so, dass eine linke Gruppe sie bittet, auf einer politischen Veranstaltung zu spielen. Die Ton-Steine-Scherben spielen am liebsten vor Jungarbeitern, Lehrlingen und Schülern, die applaudieren am Schluß zwar nicht so lange, machen dafür aber meistens Aktionen - Hausbesetzungen, Demonstrationen etc. Die Scherben machen dann gleich mit, jedenfalls bis auf ein, zwei Mann, die die Anlage wieder abbauen müssen. Zu den Veranstaltungen bringen sie meistens noch Dias mit, die die Songs optisch ergänzen. Am besten ist es, wenn die Veranstalter auch noch einen Stadtrat (oder einen anderen Ehrenmann der jeweiligen Stadt) eingeladen haben, der dann einige "passende Worte" spricht. Das wird immer ein Heidenspaß. Ist bei einer Ton-Steine-Scherben-Veranstaltung vorher schon gewiss, dass genügend Leute kommen, sollte die dafür verantwortliche Gruppe kein Eintrittsgeld nehmen, sondern die Leute während der ganzen Sache auffordern, Geld für die Unkosten der Band zu spenden. Die Scherben kommen
zu jeder Veranstaltung, wenn sie sich was davon versprechen. Scheiße finden sie nur die vielen linken Gruppen, die denken, die TSS sind doch eine linke Gruppe, die kosten nicht so viel, die holen wir uns mal her. Dann sitzen da 10 ­ 20 Genossen und hören sich den Ohrenschmaus an, anschließend geben sie ihnen ein wenig Geld, diskutieren mit ihnen "Funktion der Musik im Klassenkampf" und spendieren ihnen ein tolles Essen. Die alte Bourgeois-Masche, sich den Künstler an den Hof zu holen, nur etwas modernisiert. Aber was will die Gruppe nun eigentlich wirklich? Hier ist ihr Selbstverständnis, das alte Manifest der Ton-Steine-Scherben:

Musik ist eine Waffe

Musik kann zur gemeinsamen Waffe werden, wenn du auf der Seite der Leute stehst, für die du Musik machst. Wenn du mit deinen Texten etwas sagst und eine Situation nennst, die zwar alle kennen, die aber jeder vereinzelt in sich hineingefressen hat, dann werden alle hören, dass sie nicht die einzigen sind, die damit noch nicht fertig geworden sind, und du kannst ihnen eine Möglichkeit zur Veränderung zeigen. Musik kann also zur Waffe werden, wenn du mit ihr die Ursachen deiner Aggressionen erkennst. Wir wollen, dass du deine Wut nicht verinnerlichst, dass du dir darüber klar wirst, woher deine Unzufriedenheit und deine Verzweiflung kommen. Wir wollen die Feinde des Volkes nennen. "Macht kaputt, was euch kaputt macht - zerstört das System, das euch zerstört!"

Unsere Musik soll ein Gefühl der Stärke vermitteln. Unser Publikum sind Leute unserer Generation: Lehrlinge, Rocker, Jungarbeiter, 'kriminelle' Leute in und aus Heimen. Von ihrer Situation handeln unsere Songs. Lieder sind zum Mitsingen da. Ein Lied hat Schlagkraft, wenn es viele Leute singen können. Wir brauchen keine Ästhetik; unsere Ästhetik ist die politische Effektivität. Unser Publikum ist der Maßstab und nicht irgendwelche ausgeflippten Dichter. Von unserem Publikum haben wir gelernt, Lieder zu machen, nur von ihnen können wir in Zukunft lernen, Lieder für das Volk zu schreiben. Wir sind in keiner Partei und in keiner Fraktion. Wir unterstützen jede Aktion, die dem Klassenkampf dient. Egal von welcher Gruppe sie geplant ist. Wir werden in Berlin und Westdeutschland vor und in Betrieben und in den Jugendheimen der Arbeiterviertel spielen. Das Ziel ist es, unsere Aktionen den jeweiligen Situationen in den Betrieben oder Stadtteilen anzupassen.
Dazu brauchen wir die Unterstützung der dort arbeitenden Gruppen.

So weit ihre politischen Vorstellungen. Ihre Glaubwürdigkeit haben sie schon lange unter Beweis gestellt ­ also keine Schwätzer. Jetzt machen sie erst einmal bis Mitte September Urlaub in Jugoslawien ­ mal so richtig abschlaffen. Wer die Band trotzdem hören will: es gibt drei Platten zu kaufen:

1 LP: Warum geht es mir so dreckig?
15,- DM plus Porto

1 Single: Macht kaputt!
4,- DM plus Porto

1 Single (Foliengepresst):
Zwei Schwarzfahrersongs, 1,- DM

Ende September erscheint ihr Doppelalbum: (20,- DM)
Keine Macht für Niemand

Die Platten können über die Redaktion Hundert Blumen bestellt werden.

Übrigens:

Angy's erhebt euch...

Endlich mal ein gutes Pinup-Foto in 100 Blumen! Mal was Auflockerndes! Oder doch nicht so gut? Naja, kurz gesagt, es gab deswegen eine heiße Debatte bei uns. Manchen ist Vertrautes dazu eingefallen: schön, lieb, sexy, das Besondere auf einem Extra-Foto, mundgerecht zubereitet, zum alsbaldigen Verzehr bestimmt, herrlich entspannend nach politischem Tagewerk, mach dir ein paar schöne Stunden..., hineinschlüpfen und sich wohlfühlen...Andere zeigten Wohlwollen und "Verständnis" und wollten lieber über "wichtige" Sachen diskutieren (wer wohl?!) n wir brauchen keine Ästhetik, unsere Ästhetik ist die politische Effektivität ­ erzählen die Typen, wenn es um ihre Musik und ihr Selbsverständnis geht, und Angy?
Wer von der sozialer sozialer Revolution spricht, ohne Bezug zu seinem alltäglichen Leben, hat einen Leichnam im Mund! ­ schön gesagt von einem Typen im 100-Blumen-Kollektiv, so müsste es bei uns sein. Uns stinkt's!
Schreibt uns! Die Diskussion geht weiter. Das nächste Mal gibt es in 100 Blumen mehr Platz für die Eemanzipation der Männer.

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