Datum
00.00.1980Medium
Rock gegen Rechts (Buch)Ausgabe
Seite
49-56AutorIn
Andy BauerPolitrock, was is'n das?
Da hat doch kürzlich, genauer im Juni 1979, im Frankfurter Sponti-Blatt "Pflasterstrand" anläßlich des RgR-Konzerts ein "Dr. Moped" die Rock-gegen-rechts-Bewegung sauber in zwei Fraktionen unterteilt. Da sind einmal die Rockmusiker, die machen Rockmusik, und die ist "Medium der Phantasie, der Identifikation, der Wut und der Flucht, ist Sex, Haß, Euphorie und Depression, Rausch, auch Kampf" (womit er zweifellos recht hat), aber auch "eine wilde Mischung von Poesie und Geld, von Rausch und kaltem Management" (damit hat er ganz besonders recht). Und da sind die "Pädagogen"-Musiker andererseits, die sind natürlich "langweilig", "nix Halbes und nix Ganzes", "trivial", "'ne Sackgasse", die machen "alte Kacke - zum Kotzen so was". Alles klar, wir treten an gegen Franz Strauß und die Jung-Braunen, voller Begeisterung für die Poesie des Big Business, kräftig berauscht, voller Euphorien und Depressionen! Starker Tobak, Dr. Moped! Und die "Schmetterlinge" oder "Oktober" (die hatten am Frankfurter RgR-Festival teilgenommen), aber auch die "Backbord", "Was Tun", "Franz K.", "Floh de Cologne" oder wie sie alle heißen mögen, die lassen wir draußen, die stören bloß. Natürlich sind die genannten Gruppen und all die anderen, die ähnliches versuchen, Geschmacksache, musikalisch gesehen, textlich, auch politisch. Aber Dr. Moped wirft sie ungeniert alle in einen Topf, rührt ein paarmal um und bekommt so einen Einheits- (oder: Einheiz-) Brei aus "Zynikern", die eine "peinliche, sterbenslangweilige Musik machen".
Au weia, Dr. Moped, "so viele Scheuklappen!". Was hat das nun auf sich mit denen, die Rockmusik, Satire, deutschsprachige Lieder, Politik usw. vermengen und bei einer Masse Leute nicht so unbeliebt sind wie bei Dr. Moped? Sind die wirklich nur zynische Politbarden, die "uns für dumm verkaufen, die die Leute mit dem Medium Rock 'n' Roll anziehen wollen, um sie daraufhin mit ihren politischen Erkenntnissen zu malträtieren"? Am Beispiel der 1977 eingegangenen LOK KREUZBERG, die ja durch den Senkrechtstart der "Nina Hagen Band" noch mal zu posthumen Ruhm gelangte, will ich versuchen, ein paar Gesichtspunkte und Fakten zum Thema beizusteuern. Daß ich dabei als Gründungsmitglied und Verfasser großer Teile der LOK-Musik nicht "objektiv" sein kann, versteht sich. Politrock, was is'n das? haben wir uns gefragt, als wir Anfang der siebziger Jahre ins Berliner "Quartier Latin" gingen, um die Floh de Cologne mit ihren "Profitgeiern" zu sehen und zu hören. Damals waren die "Flöhe" vertreten auf der meines Wissens ersten Deutschrock-Sammel-LP des Ohr-Labels, als ganz normaler Bestandteil dieser frischgebackenen Szene. Die Politik lag damals eben in der Luft, in Berlin besonders, wo nach den achtundsechziger Studentenrevolten eine allgemeine linke Aufbruchstimmung herrschte, die große Teile der Jugend erfaßte. Es war förmlich ein Sog, der Straßentheater, Filme, Liedermacher, politisch engagierte Malerei usf. hervorbrachte, wie sollte da die Rockmusik nicht dazustoßen. "Ton Steine Scherben" waren in Berlin die ersten. Als wir die LOK gründeten, reichten 30 handgemalte winzige Plakate, um ein erstes Konzert vor 300 Leuten im Quartier zu starten. Ein Jahr später waren wir "Profis" mit LP (pläne-Verlag), LKW und Anlage - und permanenten Geldsorgen, die bis zum Ende nicht abrissen. Anfangs waren wir uns einer "agitatorischen" Funktion kaum bewußt, Rock, Politik, antiautoritäre Texte, das war eine selbstverständliche Einheit, das ganze auf deutsch natürlich, anfangs ein bißchen holpriger als später bei Udo, dafür aber ein paar Jahre früher. Und wir haben schnell gelernt, denn wir waren ehrgeizig und hatten den kurzlebigen Berliner Bands den festen Zusammenhalt und als Miniprofis auch die längeren Proben-Zeiten voraus. Aber auch vom Gegner mußten wir lernen. Die drückten uns den Stempel "Politrock" auf, wir waren "Agitatoren" (dabei agitierten sie selber mit Dieter Thomas Heck, der für die CDU Wahlkampf-Shows machte), sie warfen uns aus den Sendern raus, ignorierten uns in ihrer Presse oder kippten kübelweise Scheiße über uns aus. Nach zwei Jahren bespielten wir trotzdem in Berlin jährlich 10000 Leute (soviel wie Udo später in der Deutschlandhalle) und tourten feste durch die BRD. Beim SFB gab's eine interne Anweisung des Intendanten Franz Barsig, daß die Gruppe nicht gespielt werden durfte, die Fotokopie hatten wir in unseren Akten. Von wegen Meinungsfreiheit! Die übrigen Sender zogen nach, und damit war das spätere Ende der Gruppe bereits programmiert: zuwenig Plattenverkäufe, dabei leben Gruppen nun mal vom Plattenverkauf, nicht von den aufwendigen Live-Auftritten.
Wir hatten unser Konzept inzwischen erweitert und boten "Show". Wir mischten unsere Songs mit Elementen des Straßentheaters, wie wir es in Berlin von "Hoffmann's Comic" oder dem KST (Kreuzberger Straßentheater) gelernt hatten. Wir kriegten so zusammenhängende Geschichten auf die Beine, die unser Texter und Schauspieler Kalle in fieberhafter Eile zwischen den Tourneepausen schreiben mußte. Eine dieser Shows hatte den schönen Titel "Menschen, Mäuse und Moneten", eine Revue über das Comeback der Wirtschafts- und Politikbosse aus den dreißiger Jahren nach 1945.
Verklungen war der letzte Schuß
Deutschland war am Ende
mit dem Krieg war endlich Schluß
man spuckte in die Hände
doch da waren welche
die dachten nur an ihr Comeback
Das Comeback der Alt- und Neofaschisten hat sich ja inzwischen überall herumgesprochen, war doch nicht schlecht, darüber zu singen, oder, Dr. Moped? Natürlich war die "Szene" der LOK eine andere, als die typische Musikszene. In "Riebe's Fachblatt" z.B. waren wir kaum bekannt. Dafür aber in sämtlichen Jugendzentren, politischen Jugendverbänden, Gewerkschaftsgruppen ect., in einem Milieu also, in dem es schon immer ein klares antifaschistisches Bekenntnis gab. Wir haben uns da wohl gefühlt, auch wenn es uns manchmal leid tat, daß nicht mehr Gemeinsamkeit mit unseren Leidensgenossen aus der Musikszene da war. Immerhin hatten wir unsere Fabriketage am Paul-Lincke(!)-Ufer in Kreuzberg, und da kam schon mal ab und zu wer vorbei, und so langsam entstand dort der Berliner Szenetreff mit weiteren Probenräumen, mit "Morgenrots Kneipe" usf. Die Jungs von der ehemaligen Hagen-Band proben dort immer noch. War das nun wirklich so, daß wir die Leute mit gutgespielter Musik (wenigstens das konnte uns keiner bestreiten) einfach aufs politische Glatteis führen wollten? Eins ist doch klar: Wenn man eine bestimmte Meinung im Kopf hat, dann hat das auch Einfluß auf das, was man macht. Keiner kann z. B. kosmische Musiktrips oder den totalen Brutalo-Punk ablassen, der nicht irgendwie dran glaubt. Auch für Dr. Moped gilt das: Er mault doch zuallererst mal gegen die "Pädagogenmusiker" (was für ein blödes Wort!), weil er selber anderer Meinung ist als die. Die wollen helfen, den Widerstand gegen rechts zu organisieren, und genau da flippt ein Dr. Moped eben voll aus! Aber zurück zur LOK. Als sich langsam herumsprach, daß Politik etwas mit Organisation zu tun hat, zog sich ein Teil der locker links eingestellten Leute wieder zurück, andere gründeten Splittergruppen, viele fanden auch zur traditionellen Arbeiterbewegung, Gewerkschaften, Links-SPD, Kommunisten (DKP). Eine Gruppe wie die LOK hatte zunehmend dort ihr Aktionsfeld, "freie" Veranstaltungen, also einfach Saal mieten und los, das lief bei uns eigentlich nur zu Hause in Berlin. War vielleicht auch unser Fehler. Zu früh hatten wir versucht, die selbst kaum verdaute Politik mit Musik unters Volk zu bringen, da schoß man schon mal übers Ziel hinaus. Aber so war's eben. Sehr bald war uns das klar, und wir machten dann unsere Komplettstücke, praktisch Musiktheater ("James Blond", "Count Down"), wo nicht mehr alles in einem Song rüberkommen mußte, da war schon ein ganzer Abend Zeit, um zu Potte zu kommen. Wir sangen über alles, über die Situation arbeitsloser Jugendlicher, über die kriegsblinden Amis, über Liebe, machten Schlagerparodien. Langsam stellte sich heraus: Am besten lief's mit der Rockmusik über die Satire (Zappa war da großes Vorbild!) und bei ganz direkten Liedern, die nicht einfach nur Situationen beschrieben, sondern deren Auswirkungen aufs menschliche Verhalten, auf die Gefühle widerspiegelten. Ein schönes Beispiel dafür ist folgender Song, den unser Texter Kalle Scherfling noch nachträglich zur Frankfurter TAT-Aufführung des LOK-Musicals "Count Down" beisteuerte:
Als er von der Schule kam
dachte er, sie warten auf ihn
und er sagte:
Okay, ich brauch 'nen Job
und sie sagten: Für dich ist nichts drin.
Sie haben ihn ausflippen lassen
diese Typen in den Büros
und er dachte: Verdammte Kriecher
ihr macht hier einen auf Big Boß.
Aber hier glaubt ja noch jeder
der einen Aktendeckel bewacht
er sei der Big Boß selber
und wird doch selbst nur von dem fertiggemacht.
Aber so funktioniert das System
von oben nach unten treten
das ist für die unten weniger
für die großen Macher aber äußerst bequem.
Dann hat er doch noch gelacht
weil, er bekam seinen Job
aber da ging's auch gleich wieder los
wieder hat ihn einer angemacht
und wollte ihn rumkommandieren
und hat ihn angebrüllt
der hat sich in seinem weißen Kittel
wie der liebe Gott persönlich gefühlt.
Er weiß, es kommen noch andere
die ihn fertig machen sollen
und er denkt: Laß sie nur kommen
wenn sie unbedingt wollen.
Sooo schnell geht das nicht
sagt er und grinst dabei
denn zum Fertigmachen gehören
nämlich immer noch zwei.
Aber so funktioniert das System
von oben nach unten treten
das ist für die unten weniger
für die großen Macher aber äußerst bequem.
Aber hier glaubt ja noch jeder
der einen weißen Kittel trägt
er sei der Big Boß selber
und wird doch selbst nur von dem aufs Kreuz gelegt.
Ist so ein Song "Politrock"? Ich glaube kaum, auch wenn er deutlich von "denen oben" und "denen unten" spricht, das hat mit Dr. Mopeds "Scheuklappen" nix zu tun, denn so ist es nun mal. Und singen kann man so was hervorragend, auf deutsch und mit 'ner Masse Rockpower. Die Engel-Brüder singen ja inzwischen auch "Klau, lies, kotz BILD", genau wie wir, als wir ein paar Jahre vorher im frisch entdeckten Punk-Stil sangen:
Der Herr Quittegelb ist Redakteur
in Axel Cäsars Meinungsmacherei.
Dort schreibt er heiße Spalten über Fritz
den Würger oder Honkas Vampirzahn.
Das ist sein Spezialgebiet.
Darauf flippt er total aus.
Der Herr Quittegelb
und hat doch quittegelbe Kinder
und eine quittegelbe Frau zu Haus.
Na ja!
Klar, daß die Meinungsmacher im Land sauer waren, aber was soll's, so was muß gesagt und gesungen werden, heute wie gestern. Warum wir dann Schluß gemacht haben? Gründe gab's viele, Geld z.B., verschiedene stilistische Vorstellungen, menschliche Reibereien, alles normale Probleme, die unter dem Druck von außen natürlich besonders gut gedeihen. Man hat sich auseinanderentwickelt, Menschen sind keine Engel und Rockleute schon gar nicht. Na ja, inzwischen hat sich die politische Situation im Lande ja ganz schön zugespitzt, und die Rechten mausern sich gewaltig (das TAT Frankfurt z.B. haben sie ja auch kaputtgemacht). Ich finde es gut, daß es Rock gegen rechts gibt, und ich hoffe, daß es den Dr. Mopeds nicht gelingt, einen Keil in die Bewegung zu treiben. Auch wenn's Probleme gibt, man muß zusammenarbeiten. Damit aus Rock gegen rechts nicht Rock gegen links wird.





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