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Datum

20.04.1972

Medium

B.Z.

Ausgabe

0

Seite

4

AutorIn

Klaus Berndt

Bastelten Bethanien-Besetzer die Bomben?

Beweismaterial bei Großrazzia sichergestellt

Mehrere hundert Beamte der Schutz- und Kriminalpolizei durchsuchten gestern früh völlig überraschend das seit Monaten von Jugendlichen besetzte Georg-von-Rauch-Haus" im ehemaligen Bethanien-Krankenhaus in Kreuzberg. Die Blitzaktion erfolgte auf Grund eines richterlichen Durchsuchungsbeschlusses.
Die Polizei konnte wichtiges Beweismaterial im Zusammenhang mit den Sprengstoffverbrechen und Brandanschlägen der letzten Zeit sicherstellen. Von den zunächst 28 Festgenommenen befanden sich gestern abend noch fünf Personen in Haft.


Alle verweigerten die Aussage

Drei von ihnen stehen im Verdacht, an Sprengstoffanschlägen beteiligt gewesen zu sein. Gegen einen weiteren lag ein Haftbefehl wegen Einbruchs vor. Die fünfte festgenommene Person ist eine Frau. Sie wird der Begünstigung einer "verbrecherischen Vereinigung" und der Abtreibung beschuldigt. Alle verweigerten bei der Politischen Polizei die Aussage. Im Zusammenhang mit den Festnahmen liefen auch gestern abend noch mehrere Wohnungsdurchsuchungen. Das Ergebnis stand bei Redaktionsschluß noch nicht fest.

Rund 400 Polizisten, fünf Staatsanwälte und ein Richter hatten an der sorgfältig geplanten Aktion teilgenommen. Sie begann vier Stunden nach Mitternacht und war erst gestern mittag gegen 12 Uhr beendet. Ein Sprecher der Politischen Polizei zur B.Z.: "Es gab keine Zwischenfälle. Die Zusammenarbeit zwischen allen Stellen verlief reibungslos. Wir hoffen, auf Grund der Durchsuchungsergebnisse bei der Aufklärung der Brand- und Sprengstoffanschläge erheblich weiterzukommen."

Vier Kinder unter den "Bewohnern"

Bei Beginn der Razzia" befanden sich 66 Personen im ehemaligen Martha-Maria-Haus. Darunter auch vier Kinder. Das jüngste war zwei Jahre alt. Sie wurden entweder den Eltern übergeben oder ins Hauptkinderheim gebracht.

Die Polizei hatte den Durchsuchungsbeschluß erwirkt, nachdem bekanntgeworden war, daß sich in dem Gebäude ähnliche Feuerlöscher und präparierte Rohre befinden, wie sie in den letzten Monaten bei mehreren Anschlägen verwendet worden waren.
Das wurde im einzelnen sichergestellt: zwei Reisewecker, einer davon für einen Sprengsatz präpariert, zwei Kurzzeitwecker, vier geschaltete Batteriesätze, Schwefelsäure, Salpetersäure und Glyzerin - alles Bestandteile für die Herstellung von Sprengstoff - sowie ein zur Herstellung von Sprengstoff gebräuchliches Unkrautvernichtungsmittel und mehrere Flaschen mit Benzin.
Weiterhin fanden die Beamten von Bombenattentaten her bekanntes Klebeband, Aufzeichnungen über die Herstellung von Spreng- und Brandsätzen, mehrere Sprechfunkgeräte sowie einen Polizeischutzhelm. Wegen größerer Mengen aufgefundener rezeptpflichtiger Medikamente, Intrumente für Abreibungen und eines umgebauten Radiogerätes mußten sich ein Polizeiarzt, der zuständige Amtsarzt, ein Apotheker und Spezialisten der Post in die Ermittlungen einschalten.

Anmerkungen

Diese Razzia besingt Rio Reiser auch in dem "Rauch-Haus-Song". Es ist wahrscheinlich, daß Rio mit "Springers heißem Blatt" diesen Artikel der B.Z. meint.
Eine Beschreibung der Razzia aus der Sicht von Bommi Baumann findet sich ebenfalls im Artikelarchiv.
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