Datum
02.05.2000Medium
Der TagesspiegelAusgabe
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Esther KogelboomLieder, Liebe, Politik: Im Foyer der Volksbühne lud die Resttruppe von "Ton Steine Scherben" mit einem Revival-Konzert zum Tanz in den Mai. Rio Reiser selig war wie immer dabei.
Rio ist Heimat
Neues Glas aus alten Scherben - das klirrt nach BSR-Plakat oder mindestens nach Wertstofftrennung und Recycling. Die Scherben kannst du in die Tonne kloppen, sie sind niemals wirklich weg vom Fenster. Walpurgisnacht am Rosa-Luxemburg-Platz: Wer hier in den Mai tanzt, tut das mit geballter Faust und schmerzverzerrtem Gesicht. Weil Rebellion auch nach 30 Jahren immer noch wehtun muss. Solange man Träume noch leben kann, wird Peter Moebius, Vorsitzender des Reiser-Vereins, nach Fresenhagen fahren, um dort zu Hause zu sein. "Die Linke", sagt Rio Reisers Bruder, "ist heimatlos. Rio ist Heimat".
In die Volksbühne kommt niemand mehr rein, das Haus ist ausverkauft. Im Foyer drücken sich Menschen an die verspiegelten roten Marmorsäulen, junge und alte. Angela Marquart läuft in einem T-Shirt mit Aufdruck "Zicke" zwischen rotem und grünem Salon hin und her. "Keine Macht für niemand" ist in der verwackelten "Scherben"Schrift auf anderen Brüsten zu lesen. Buttons, die kleinen Rebellions-Anstecker, prangen an Jacken und Taschen wie Veteranenorden. "Sie haben doch auch nicht alles gelesen" steht da etwa auf einer Komplexbrosche. Auf dem Podium sitzen einige der alten "Scherben" und hören den Schauspielern zu, die aus Briefen und Texten von Rio Reiser lesen: "Was kostet uns die Einheit? Die Einheit kostet 23 Pfennig." Rio hat seinen Erben nicht nur geniale Lieder hinterlassen, sondern auch einen beträchtlichen Schuldenberg. Die Gebrüder Moebius und R.P.S. Lanrue, Rios inzwischen nach Portugal ausgewanderter Lebenspartner, haben sich bald nach dem Tod des Sängers und Komponisten im August 1996 zerstritten. Doch Fresenhagen, das Haus im Friesischen, wo Teile von Ton Steine Scherben ab 1975 arbeiteten, soll weiterleben - als Gästehaus, Treffpunkt für Bands und Künstler. Der ergraute John Banse lehnt mit einer Krücke an der Hand und Bowie-Eyeshadow am Podium im Foyer der Volksbühne. Um seinen Hals baumeln schätzungsweise 50 VIP- und Backstagepässe an einer Kordel. "John war überall dabei, sogar bei den Stones", erklärt Peter Moebius, erster Vorsitzender des Lichterfelder Reiser-Archivs. "Er ist immer oben." Oben, das ist Fresenhagen, wo der gelernte Koch das Haus bewacht und demnächst die Gäste mit Essen und Geschichten verköstigen wird.
Technische Probleme zögern das für Mitternacht angesetzte Revival-Konzert von "Neues Glas" heraus. Die Zeit wird knapp, denn auf der großen Bühne der Volksbühne wird immer um zwei Uhr der Strom abgedreht. Auf den Plätzen und Treppen stauen sich immer mehr Leute als hinpassen. Die Security zieht einem rebellischen Raucher die Kippe aus dem Mundwinkel. Strengstes Zigarettenverbot und um zwei Uhr Finito beim Scherben-Konzert? "Das darf doch nicht wahr sein, das ist so typisch", meint er. "Neues Glas" besteht aus zwei Ex-Scherben und zwei Ex-Reiser-Bandmitgliedern sowie dem spindeldürren Sänger Michael Kiessling, der ansonsten mit dem Theaterprojekt "Bukowski waits for us" durch die Lande zieht. Nein, "Junimond" spielt "Neues Glas" trotz ausdauernder Rufchöre nicht. Weinen will die Band schließlich nicht, obwohl Kiessling manchmal so aussieht, als kämpfe er mit den Tränen. Seine Stimme füllt die Volksbühne, so tief und rauh, dass der Mittelblock aufsteht und selbstvergessen losrockt, die Füße auf dem Boden, der Kopf unter den Sternen, im Herzen Rio Grande. Kein einfaches Brot für Kiessling, der sich tapfer schlägt und in besonders exaltierten Momenten den Mikrofonständer zum Tanzen auffordert.
"Rios Lieder, das ist Liebe und Politik, nur weiß man oft nicht mehr, was was ist", sagt Peter Moebius. Reisers Konzert vor Demonstranten in Wackersdorf würde Moebius gerne auf eine CD pressen lassen und auf die Homepage des Außenministers stellen, auf die Seite der "verkauften Ideale". Dabei ist Merchandising für die beiden Brüder kein Fremdwort: In der Garderobe blüht still und unauffällig ein kleiner Devotionalienhandel. Die Scherben werden zum Nice Price verscherbelt. Auch ein Obdachlosenmagazin hat mit Rio Reiser getitelt und ein Schild aufgestellt: "Zwei Mark für die Scherben". Blöde, wer immer dachte, eine Mark ginge an den Verkäufer. Die Band hat's nötiger. Da wäre auch noch das Buch - Kai Sichtermann, Jens Johler und Christian Stahl haben im Schatzkästlein der goldenen Erinnerungen gekramt und einen Inside-Ton-Steine-Scherben-Bericht verfasst. "Man soll doch nicht so puristisch sein", meint Peter Moebius, angesprochen auf den Kult um seinen Bruder. "In seinen Liedern ist Geist, sie zu hören, ist einfach immer noch klasse." Das finden auch die "80 Prozent Vereinsmitglieder unter 30", die jede Zeile mitsingen, jeden Akkord mitgreifen können und bereits Wochen vor der Nacht zum ersten Mai unter www.rioreiser.de Mitfahrgelegenheiten aus dem Frankenland nach Berlin annonciert haben. Nicht so Benedikt Hoppmann. Der lebt seit 30 Jahren in Berlin. Seine erste Nacht hat er im Scherben-Haus am Tempelhofer Damm verbracht. Losreißen konnte er sich nie wieder.





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