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Datum

13.02.1982

Medium

[unbekannt]

Ausgabe

36N

Seite

22

AutorIn

mb (wahrscheinlich Michael Becker)

Kaputtes aus Kreuzberg

ein unbekömmlicher Aufguß: "Ton Steine Scherben" in der Erlanger Stadthalle

Die neue deutsche Welle frißt ihre eigenen Stammväter. Die, die da vor gut einem Dutzend Jahren mit der Prä-Punk-Parole "Macht kaputt, was euch kaputt macht" in Kreuzberg auf den Plan traten, haben musikalisch von der "Ideal"- und "Fehlfarben"-Infektion ganz schön was abbekommen. Schade, denn nun droht auch ihnen das Schicksal einer mittelklassigen Tanz-Combo: "Ton Steine Scherben".

Sicher, es ist schon wichtig und richtig, daß man sich im Laufe eines guten Jahrzehnts neuen Tendenzen und Impulsen nicht verschließt. Doch über die Anpassung das eigene Gesicht zu verlieren, die eigene Originalität zu opfern, stimmt den Beobachter traurig. Und so gab es beim Gastspiel der Scherben-Combo in der Erlanger Stadthalle neben denen, die hüpfend und jubelnd den 70er-Jahre-Aufguß goutierten, als gelte es wunder wen zu entdecken, auch ein hübsches Häuflein sich an bessere Scherben-Zeiten Erinnernder. Die allerdings schüttelten nicht ihre Glieder, sondern nur den Kopf und waren sichtlich verstimmt.

Es gab wohl in der letzten Zeit im Erlanger Konzerttempel selten eine Veranstaltung, bei der sich so viele Gäste gelangweilt im Foyer herumdrückten. Kein Wunder, denn gleich ob drinnen oder draußen: Das, was Rio Reiser ins Mikro zu singen versuchte, verstand man weder da noch dort. Da war Kai Sichtermanns undifferenzierter Baß vor, den der wohl etwas harthörige Mann am Mixer aufdrehte, als gelte es die Reste der Erlanger Stadtmauer einzuebnen. Und was Martin Paul eigentlich dauernd an den Keyboards herumfummelte, blieb ein akustisches Rätsel.

Aber was dann trotz des hanebüchenden Sounds über die Rampe ans malätrierte Ohr drang, war ohnehin besser zum Weghören. Denn man muß sich schon fragen, welcher New-Wave-Dämon die Ton-Steine-Scherben-Mannen geritten haben mag, als sie auf den haarsträubenden Trichter kamen, den legendären Rauch-Haus-Song mit einem peinlichen Schubbidubidu zu unterlegen. Die Hochspannung, die wahllos in den Verstärker gejagt wurde, fehlte bei den Texten vollständig. Die liefen auf Schwachstrom.

"Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten"? - Für "Ton Steine Scherben" scheint es wohl eher fünf vor zwölf zu sein. Die Fans der ersten Stunde notierens wehmütig.

Ärgerlich wie das Konzert: Das offensichtlich mit der Hand gepreßte neue Doppel-Album "Ton Steine Scherben", für Freunde von Rauschen, Knistern und Knacken zu bestellen bei David Volksmund-Produktion, 2283 Fresenhagen.

Anmerkungen

Der Artikel stammt aus irgendeiner süddeutsche Zeitung aus dem Raum Nürnberg vom 13./14.02.1982. Es liegt mir nur eine schlechte Kopie vor, deswegen kann ich nichts Genaueres sagen
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