Datum
10.12.1971Medium
Der TagesspiegelAusgabe
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faEntgegenkommen beim Bezirksamt
Teil des ehemaligen Bethanien-Krankenhauses von Jugendlichen besetzt
Die jugendlichen Besetzer des ehemaligen Schwesternheims "Martha-Maria" im Gebäudekomplex des ehemaligen Bethanien-Krankenhauses in Kreuzberg am Mariannenplatz behaupteten gestern im Einvernehmen mit dem Bezirksamt Kreuzberg ihren Besitz. Sie wollen dort vor allem solchen Jugendlichen Unterkunft und Hilfe gewähren, die sonst in ein Heim kommen müßten. Das Bezirksamt hatte sich nach langen Beratungen entschlossen, die Gebäudenutzung durch die Jugendgruppen vorerst hinzunehmen. Bei den Verhandlungen von Jugendstadtrat Beck und Finanzstadtrat Funk mit den Jugendlichen gestern abend in dem besetzten Haus gab das Bezirksamt zu erkennen, daß es auch langfristig zumindest Teile des Gebäudes den eingedrungenen Jugendgruppen zur Verfügung stellen würde. Die Voraussetzung dafür wäre, wie Beck mitteilte, daß sich auf der Seite der Bewohner verantwortliche Träger zeigten, mit denen Vereinbarungen getroffen werden könnten. Das Gebäude war, wie in einem teil der gestrigen Ausgabe berichtet, am Mittwochabend von mehreren hundert Jugendlichen besetzt worden.
Meistgebrauchter Begriff auf der Besprechung in einem von gut 100 Personen gefüllten größeren Raum war "Trebegänger". Solche Personen stellen offensichtlich den Hauptanteil der Anwesenden: Jugendliche, die wohnungs- und vielleicht auch anhanglos frei leben und eine ihren Bedürfnissen angemessene Bleibe suchen. Mehrere junge Sozialarbeiter meldeten sich zu Wort, die sich insofern mit den Jugendlichen solidarisieren, als sie das offizielle Heimwesen ablehnen, sowohl für Unterbringungsfälle bei Drogenmißbrauch als auch bei Fällen allgemeiner sozialer Gefährdung.
"In den Heimen", erklärte eine junge Sprecherin unter Beifall, "werden die Jugendlichen unterdrückt, so daß sie ausrücken und ohne Papiere sich durchzuschlagen versuchen. Die Mädchen gehen auf den Strich und die Jungens einbrechen."
Die Alternative soll nun im Haus "Martha-Maria", das gegenwärtig von einem Transparent mit der Aufschrift "Georg-Rauch-Haus" geziert wird, entstehen. Das Bezirksamt Kreuzberg, durch das Engagement von Jugendstadtrat Beck beeinflußt, will Starthilfe leisten. Die Sprecherin der "Basisgruppe Heim- und Lehrlingsarbeit" forderte im Namen aller Anwesenden die Einrichtung einer Kontaktstelle für "Trebegänger", die Bildung von Wohnkollektiven anstelle von Heimunterbringung, die Unterbringung von Trebegängern, eine medizinische Hilfe und Betreuung der Bewohner. Von der Behörde sollten Sozialarbeiter bezahlt werden, die von den Hausbewohnern vorgeschlagen werden.
Stadtrat Beck schlug als nächsten Treffpunkt das Rathaus in der Yorkstraße vor, wohin heute um 13 Uhr 30 eine von den Besetzern beauftragte Delegation mit möglichst konkreten Konzepten kommen solle. Die Verwaltung wolle dann Stellung nehmen. Im übrigen bleibe der Status quo erhalten. Lauthals lachten die Jugendlichen über die Vorstellungen der Bezirksverwaltung, daß nur eine Etage des über 90 Zimmer großen Hauses zur Verfügung gestellt werden solle. "Wir brauchen das ganze Haus, darunter gibt es keine Lösung", lautete die Antwort. Nach der Behördenplanung sollte das frühere Schwesternheim ein Kinderheim mit 75 Plätzen werden.
Die Jugendlichen kritisierten immer wieder, daß die Behörde den seit eineinhalb Jahren leerstehenden Bethanien-Komplex bislang nicht nutzen konnte.
Das Bezirksamt besitzt zwar, wie berichtet, einen ausführlichen, mit dem Senat abgestimmten vielgliedrigen Belegungsplan. Aber noch fehlen endgültige Beschlüsse und auch die Finanzmittel für zahlreiche von den künftigen Nutzern geforderten Umbauten. Es sollen der Staats- und Domchor, ein Heimatmuseum, Schuleinrichtungen, ein Seniorenzentrum, Künstlerwerkstätten und -unterkünfte, Ausstellungsräume, die Volkshochschule, Kindertagesstätten, Kinderheime, Büchereien und Seminarräume in Bethanien entstehen.





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