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Datum

20.04.1972

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Der Tagesspiegel

Ausgabe

0

Seite

12

AutorIn

G. Sch. (außer mit Tsp gekennzeichnete Teile)

Polizei fand Material für Bomben-Bastler in Bethanien

400 Beamte zur Großrazzia - 23 von 28 Festgenommenen wieder entlassen

In einer Großrazzia der Polizei, zu der 400 Kriminalbeamte und Schutzpolizisten im Einsatz waren, wurde gestern früh das Martha-Maria-Haus auf dem Gelände des Bethanien-Krankenhauses am Mariannenplatz in Kreuzberg durchsucht. Wie mehrfach berichtet, war das Martha-Maria-Haus im Dezember von Jugendlichen besetzt und wenig später vom Bezirksamt für eine Nutzung durch diese Jugendlichen freigegeben worden. Die Abteilung der Polizei I, die für politische Delikte zuständig ist, hatte mehrere Hinweise erhalten, daß in dem Haus Gegenstände gesehen worden seien, die im Zusammenhang mit dem Mord an dem Bootsbauer Erwin Beelitz stehen könnten. Beelitz wurde bei einem Bombenanschlag am 2. Februar im britischen Yachtclub in Gatow tödlich verletzt.

Außerdem sollte aus diesem Haus ein präpariertes Rohr stammen, das bei dem Anschlag am 13. März auf des BVG-Verwaltungsgebäude benutzt worden war. Ferner erhielt die Abteilung I Hinweise, daß sich zwei Personen im Martha-Maria-Haus aufgehalten hätten, gegen die Haftbefehle wegen menschengefährdender Brandstiftung und wegen Straßenraubs bestanden. Die beiden wurden jedoch nicht angetroffen.
Die Durchsuchung begann um 4 Uhr und dauerte bis 12 Uhr 05. Insgesamt wurden 66 Männer und Frauen kontrolliert. Davon wurden 14 vorläufig in polizeiliche Verwahrung genommen. 23 Personen sind im Laufe des Vormittags wieder entlassen worden. Fünf - darunter drei, die dringend verdächtig sind, sich an Sprengstoffverbrechen beteiligt zu haben - blieben in Polizeihaft. Gegen einen lag ein Haftbefehl wegen Einbruchs vor, eine 29jährige Frau wurde wegen Verdachts der Begünstigung einer verbrecherischen Vereinigung nach § 129 StGB und Verdachts der Abtreibung festgehalten.
Eine Entscheidung, ob die vier Personen in Polizeihaft, gegen die noch kein Haftbefehl vorliegt, einem Vernehmungsrichter vorgeführt werden, steht nach Mitteilung der Polizeipressestelle noch aus. Die drei Festgenommenen, die unter dem Verdacht stehen, an Sprengstoffverbrechen beteiligt gewesen zu sein, verweigern jede Aussage.
Außerdem befanden sich in dem Haus, das die Jugendlichen "Georg-von-Rauch-Haus" genannt haben, vier Kinder im Alter von zwei bis 13 Jahren. Das zweijährige Kind lebte dort mit seiner Mutter. Ein Kind wurde den Eltern übergeben, ein Kind nach Rücksprache mit dem Vater entlassen, eins dem Hauptkinderheim zugeführt und eins der Mutter auf dem zuständigen Polizeirevier übergeben.
Bei der Durchsuchung ist eine größere Anzahl von Gegenständen sichergestellt worden. die nach Angaben der Polizei für die Aufklärung von begangenen Straftaten von Bedeutung sein könnten, darunter zwei Reisewecker (einer offensichtlich für einen Sprengsatz hergerichtet), ferner zwei Kurzzeitwecker, vier Batterien, davon zwei in Reihe geschaltet und mit angelöteten Kabeln versehen. Außerdem beschlagnahmte die Polizei Schwefelsäure, Salpetersäure und Glyzerin, die zur Herstellung von Nitroglyzerin-Sprengstoff geeignet sind; des weiteren zwei Literflaschen mit Benzin und Klebeband, bei dem es sich um Material handelt, wie es bei mehreren Sprengstoff- und Brandanschlägen in der Vergangenheit benutzt worden ist. Eine Büchse Unkraut-Vertilgungsmittel zur Herstellung von Sprengstoff geeignet und in der Vergangenheit vielfach dazu benutzt, ist ebenfalls sichergestellt worden. Die Polizei fand außerdem handschriftliche Aufzeichnungen über die Herstellung von Sprengstoff- und Brandsätzen, elektrische und sonstige Werkzeuge, einen Polizeischutzhelm, Handfunkgeräte und ähnliches. Die Auswertung des Beweismaterials dauert noch an.
Beamte des Gewerbeaußendienstes, ein Amtsarzt und ein Apotheker waren außerdem zu der Razzia hinzugezogen worden, nachdem eine größere Menge rezeptpflichtiger Medikamente und ärztliche Instrumente gefunden worden waren, wie sie für Abtreibungen Verwendung finden. Ein Richter des Amtsgerichts Tiergarten sowie fünf Staatsanwälte waren bei der Razzia zur Unterstützung der Polizei anwesend.

Ilse Reichel: Nicht vorschnell diskriminieren

Zur Durchsuchung des Martha-Maria-Hauses nahm gestern nachmittag die Senatorin für Familie, Jugend und Sport, Reichel, vor Pressevertretern im Rathaus Schöneberg Stellung. Nach dem bisherigen Stand der Ermittlungen, so erklärte die Senatorin. möchte sie "dringend bitten, die Vorwürfe nicht pauschal dem sozialpädagogischen Versuch anzulasten". Eine vorschnelle Diskriminierung der ganzen Gruppe, die in Bethanien gewohnt und sich dort einer schweren Arbeit unterzogen habe, erscheine nicht gerechtfertigt.
"Die mir bekannten Ergebnisse", betonte die Senatorin, "lassen den Schluß nicht zu, daß das sozialpädagogische Experiment versagt hat, sondern lediglich den begründeten Verdacht, daß einzelne Mitglieder des Kollektivs Straftaten begangen haben können, die auch geahndet werden müssen".
Die Senatorin gab bekannt, daß es nach Auskunft der beiden in Bethanien arbeitenden Sozialarbeiter bis zum 11. April gelungen sei, den Aufenthalt von 28 Jugendlichen im Kollektiv zu "legalisieren". Für zwölf weitere Jugendliche habe die Legalisierung des Aufenthaltes, so unter anderem die Beschaffung der Zustimmung der Eltern und die polizeiliche Anmeldung, kurz vor dem Abschluß gestanden. Bei einer solchen Arbeit mit randständigen Gruppen könne auch niemals ausgeschlossen werden, daß auch Straftäter in einem solchen Kollektiv Aufnahme fanden oder daß Jugendliche während der Zugehörigkeit zu dieser Gruppe straffällig werden würden. Administrative Entscheidungen auf Grund der Durchsuchung des Hauses sind nach Auskunft der Senatorin derzeit noch nicht zu übersehen. Die Verwaltung bleibe für die Jugendlichen auch dann zuständig, wenn diese straffällig geworden seien.

CDU spricht von "Terrorzentrum"

Für die CDU erklärte gestern der Abgeordnete Dolota, die Befürchtungen seiner Partei, daß trotz einer Zusage eine ordnungsgemäße Aufsicht der Gruppe nicht gewährleistet werden könne, hätten sich bestätigt. Den Verwaltungen machte Dolota den Vorwurf, sie hätten sich unfähig oder unwillig gezeigt, die Entwicklung im ehemaligen Martha-Maria-Haus zu beurteilen und zu kontrollieren. Anders sei es nicht zu erklären, "daß sich das Jugendzentrum zu einem kriminellen Terrorzentrum entwickeln konnte". Dolata forderte die Verwaltung auf, Wiederholungen in anderen Bezirken von vornherein zu verhindern. Der CDU-Abgeordnete kündigte an, seine Fraktion werde dieses Thema parlamentarisch behandeln. (Tsp)

Stellungnahme des Kollektivs

In einer Pressekonferenz, zu der das "Kollektiv Georg-von-Rauch-Haus gestern nachmittag eingeladen hatte, wurde bestritten, daß von Bewohnern des Hauses Sprengsätze hergestellt worden seien. Bei den sichergestellten Chemikalien handele es sich um Restbestände aus dem ehemaligen Leichenschauhaus des Krankenhauses Bethanien. Die Bewohner des "Rauch-Hauses" beklagten sich über das rüde Vorgehen einiger Polizeibeamter bei der Hausdurchsuchung, bei der insbesondere die weiblichen Bewohner obszönen Bemerkungen durch Polizeibeamte ausgesetzt gewesen seien. Die junge Mutter eines zweijährigen Kindes sei von Beamten geschlagen worden, als sie ihr Kind bei der allgemeinen Unruhe der Hausdurchsuchung in Sicherheit bringen wollte.
Auf der Pressekonferenz wurde die Befürchtung ausgesprochen, daß die Lehrlinge und Jungarbeiter nach dieser Razzia nun ihre unter Mühen erworbenen Arbeitsplätze verlieren könnten. Auch wird befürchtet, daß das sozialpädagogische Experiment im "Rauch-Haus" von den zuständigen Behörden abgebrochen werde.
Wie auf Anfrage der Kreuzberger Bezirksstadtrat Erwin Beck sagte, teile er die Ansicht der Senatsverwaltung für Familie, Jugend und Sport, daß das gerade begonnene sozialpädagogische Experiment nicht in Gefahr geraten dürfe und erst einmal abgewartet werden müsse, zu welchen Ergebnissen die polizeilichen Ermittlungen kommen werden.
Ein in den gestrigen Abendstunden in Kreuzberg in Umlauf gebrachtes Flugblatt der Bewohner des "Rauch-Hauses" wirbt bei der Bevölkerung um "Solidaritätserklärungen" und ist überschrieben: "Faschistischer Überfall der Polizei auf das Georg-von-Rauch-Haus!" (Tsp)

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