Datum
00.06.1982Medium
FachblattAusgabe
6/82Seite
54-58AutorIn
Teddy HoerschScherben bringen Glück
Ton, Steine, Scherben
Goldi nennt sie halb-zärtlich, halb-respektvoll eine "subversive Legende". Und so soll die Ton, Steine, Scherben-Story anfangen, dachte ich mir. Großes, wem Großes gebührt. Aber weil ich immer angeschissen werden, wegen der vielen Fremdwörter, die ich angeblich benutzen soll, und man mich zähneknirschend fragt, wann ich meine Texte in Latein abliefere, will ich erklären, was der gute Goldi meint.
Also: subversiv ist, wenn man - gerade auf dem Höhepunkt des Wirtschaftswunders - "Macht kaputt, was euch kaputt macht" sing, und das ohne Gewissensbisse und mit gutem Recht. Eine Legende ist, wer das schon 1970 getan hat. Eine lebende Legende gar, wenn man heute noch - 12 Jahre später - existiert.
"Die Scherben" leben (Hurra!) und sind, noch während ich das in meine vergammelte Schreibmaschine tippe, in der immer das a hängt, auf großer Deutschlandtournee. Einen Benefizauftritt im Verein mit Ideal im Berliner Tempodrom haben sie schon hinter sich gebracht. Und wieder mal gab's Schlagzeilen. Die Kohle stimmte nicht. Das war früher so ein Markenzeichen der Scherben, daß es heiße Diskussionen gab, wo sie auftauchten, und besetzte Häuser, nachdem sie weggingen, und die mehr als kessen Sprüche landauf, landab zum besten Graffiti-Bestand auf jedem Örtchen gehörten.
Ich selbst habe vor Jahren, als ich noch klein und mein R'n'R Herz noch rein war, so einen markigen Spruch an der Tür einer Provinz-Discothek gelesen. Meine erste Lektion Bakunin und das beim Sch......!
Damals kannte ich die Scherben noch nicht und lernte erst viel später in der Nach-68-Ära die Namen und Parolen kennen: Benno Ohnesorg und Georg von Rauch; die FU Berlin kannte ich nur aus einem Insterburg & Co. Sketch ("Ich bin zwar von der FU, aber das habe ich nicht gewollt" lallte ein Student, der in dem Zug saß, der das unglückliche Mädchen überfahren hatte.)
Ich bin Baujahr 55, und die großen Brüder mußten mich an die Hand nehmen, und wir lasen "Repressive Familienpolitik" und diskutierten, und ich kam mir klein und blöd vor, und der Ernst dieser ganzen Bewegung (denn es war selbst in einem Provinzkaff wie M. eine richtige Bewegung) ging mir ungeheuer auf die Nerven. Die Politbrüder politisierten einfach alles: den Handbetrieb, und wenn man stoned war und ob man seinen Alten Paroli bot, einfach alles war "politisch", und das war ja auch gar nicht so dumm, aber der Spaß ging in die Binsen dabei, so daß man am Ende nicht nur Druck von oben (oben waren Eltern, Pauker, Leute mit Geld, Leute über 30, Leute, die sauber angezogen waren, alle Leute, die bei Marx und Lenin eine Gänsehaut kriegen anstatt neugierig zu werden) sondern auch Druck van seiner eigenen Seite bekam.
Nur ein paar waren darunter, die konnten ganz unreflektiert lachen und praktizierten, was man später unter "Spontis" zusammenfaßte. (Hallo Helmut, wie geht's?). Sie kamen mit wippenden Schwänzen, und man durfte ihnen beim Bumsen zuschauen, wenn man gerade aus Zufall hereingeschneit war. Ein ganz großes Undsoweiter hat es mit diesen Typen auf sich.
Nun: die Scherben waren und sind (?) Träger dieser Bewegung. Gibt es diese Bewegung überhaupt noch nach RAF und all dem was darauf folgte? An der Reaktion der Leute gemessen könnte man meinen: nein, denn alle scheinen zufrieden und satt und haben die Sessel übernommen, vor denen sie damals standen und polstern ihre Seiten auf und denken nicht mehr oft an den Traum.
Als ich Dieter Roesberg Bescheid sagte wegen dem TS-Scherben-Interview, mokierte er sich: "Gibt's die auch noch?" und ein anderer meinte mitleidig lächelnd: "ach diese Politrocker!" Ja genau "diese Politrocker. Mensch war ich baff bei den beiden Konzerten, die ich wenige Tage später miterlebte; zweimal volles Haus, ganz verdammt junge Leute. Punker gar. Klar, es waren auch ein paar Landkommunen vertreten, diese Körnerfresser, Latzhosenfront, Turnschuhgeneration. Diese ungeilen Typen, die nur glückliche Eier mümmeln. {Pardon, mein Vorurteil geht mit mir durch.) Was ich sagen wollte von wegen subversiver Legende. Die Scherben laufen so gut wie nie im Radio, sind fast nie im TV, stehen kaum in den bürgerlichen Journaillen und dann sowas. Zig Leute mußten in Köln unverrichteter Dinge nachhause oder in die nächste Kneipe gehen, weil das Stollwerk Palazzo Schoko gerammelt voll war.
Mensch nicht zu fassen. Die Menschen träumen immer noch. Es gibt noch Hoffnung, wenn ein ganz junges, ganz verteufelt hübsches Mädchen {Marke Sweet Little Sixteen) mir zustimmt, wenn ich sage, TSS wäre die beste deutschsprachige Band, viel besser als Udo, der Lindenberg.
Es gibt vier "richtige" Ton, Steine, Scherben-LP's. Nämlich: "Warum geht es mir so dreckig" (1971), "Keine Macht für Niemand" (1972), "Wenn die Nacht am tiefsten" (1974} und "Ton, Steine, Scherben IV" (1980). Daneben gibt's noch zig Theater und Filmmusiken, die ich am Schluß aufzählen werde. Doch es war mir ein inneres Bedürfnis, diese vier Scheiben (das Hauptwerk möchte man sagen) mal vorzustellen, denn manche Leute meinen, die erste wäre die letzte und die letzte die erste.
Weiter im Text. Die Scherben wußten natürlich von Mehrwert und so, und darum zogen sie einen eigenen Vertrieb auf, die David Volksmund Produktion. Au8erdem machten sie von der Covergestaltung bis zum Eintüten und dem Versandnetz (fast) alles selber. With a little help from their friends, versteht sich.
Das mag sein, daß die Platten, weil sie bei einem privaten Presswerk gepreßt wurden, schlecht klingen im High-Fidelity bewußten, qualitätsfixierten und verwöhnten Zeitalter, aber für das Mehr an Unabhängigkeit nahmen viele sehr viele das Weniger an Perfektion in Kauf.
Die Fama besagt ja auch, daß die Stones heute noch ihre R'n'R-Nummern auf wackelige Kassettenrecorder überspielen und dann erst abmischen, weil das den besonderen Schmutzeffekt erzielt, oder, wie Hannes Eyber, der TSS-Regisseur es nennt, "die Schaufel Dreck muß rein". In diesem Zusammenhang muß man erzählen, daß Rio Reiser, mit dem Filmband in Gold dekorierter Johnny West aus nämlichem Film, ein eingefleischter Stones-Verehrer ist, und nimmt es da Wunder, daß, bei ihrem Anarcho-Image angefangen bis hin zu musikalischen Rauhheit, vieles an TSS, an die Stones erinnert.
Aber weiter im Text. Die Scherben-Geschichte ist reich an guten Stories. Vielleicht weiß es der ein oder andere noch: Fehmarn im Frühherbst 1970. Beate Uhse sponsorte das als deutsche Woodstock proklamierte Festival, später: als größter Flop der Open-Air-Kiste in die Annalen des Konzertbetriebes eingehen sollte. Geregnet soll es haben, und Hendrix, schon mit beiden Füssen in einer dicken Krise, spielte so schlecht, daß ihn der Publikumsapplaus beschämt hat, erzählt man sich.
Fünf Stunden nach dem letzten Auftritt von Jimi geben die Scherben ihr Debut. Die Veranstalter sind Windbeutel. Es gibt keine Kohle, und die Ordnungskräfte, nicht gerade zimperlich veranlagt, schlagen kurzkrümmelklein, was sie in die Finger kriegen. Den Scherben wird's angelastet. Die Anzeige lautet auf Landesfriedensbruch und illegalen Waffenbesitz. Man muß sich vorstellen - Landesfriedensbruch. This land is our land. Und zum Waffenbesitz. Schon Messer mit einer stehenden Klinge von mehr als soundsoviel Zentimeter gelten als Waffen. Messer, mit denen man die Pfeifen saubermachte oder Weidenflöten schnitzte.
1971 erscheint die erste LP. Produktion TSS. Die Covergestaltung übernimmt von nun an Gerd Möbius. Gegen Ende desselben Jahres wird nach einem Konzert in der TU-Mensa zu Berlin ein Teil des leerstehenden Bethanien-Krankenhauses in Kreuzberg besetzt: das Rauchhaus und der Rauchhaussong benannt nach dem erschossenen Georg von Rauch. Da sage einer noch was gegen Traditionen. Dieser Song gehört heute noch zum Repertoire und Rio - am Klavier - verbreitet Magie, allerdings Magie mit selbstparodistischen Tönen, genau so wie der Rauchhaussong heute noch goutierbar ist.
In den nächsten Jahren, also von Ende 1971-1981 ändert sich das Scherben-Lineup mit konstanter Boshaftigkeit. Wolf Seidel alias Wolf Sequenza, seines Zeichens Schlagzeuger, verläßt die Scherben. Ihm folgen andere. Rein und raus. 1971 kommt "Keine Macht für Niemand" heraus, eine Doppelelpi für 20 DM. Und auf dem Cover steht: "Meldet uns die Läden, die diese Platte teurer als 20 Mark verkaufen." Die Platte ist prima. Außen und innen. Den ersten Exemplaren ist eine Zwille beigelegt, eine kleine Steinschleuder. Sinnbild für den kleinen David, der den großen Goliath erlegt hat - mit Verstand. Die David Volksmund Produktion hat ihr Logo. Außerdem gibt's wieder ein Textblatt, darauf der Brief des Indianerhäuptlings SEATHL an den Präsidenten der USA. Der Brief ist aus dem Jahr 1855, und wer weiß, was Hundert Jahre später alles passiert ist, der zieht den Hut vor dieser Rothaut und ihrem prophetischen Weitblick.
Stadtindianer, Alternative, Weltkrieg, Umweltverschmutzung - der Indianer hat's geahnt. So eine Gehirnkur lieferten die Scherben am Rande. Außerdem: Rockmusik mit Verstand und Gefühl. Alternative Volksmusik zu all den Nazi-Märschen und der autoritätsfrommen Deutschtümmelei.
73 ist ein komisches Jahr. Die Scherben haben Bock auf Urlaub. Verständlicherweise. Lanrue, der Gitarrist mit Hut, visitiert Schweden und heißt im übrigen Lanrue nach einem Pariser Frauenmörder, was soviel bedeuten soll, daß er als Ladykiller & Schürzenjäger mit Schweden gar nicht so übel gewählt hat. A piece of new meat... Die Scherben waren nie engherzige Politokraten, nie so der Typ der marxistisch-Leninistisch geschulten Parteideppen, die mit Rosa Luxemburg unterm Kopfkissen ins Bett gehen. (Nichts gegen Rosa Luxemburg). Film- und Theatermusiken stehen auf dem Plan. Der Platz reicht nicht, um all diese Aktivitäten aufzuzählen.
Kai Sichtermann, der Bassist, wird von Werner Görz ersetzt, ebenfalls Bassist. Funky kommt 1974 als Schlagzeuger. Erst 1975 erscheint die dritte LP, wieder Doppelalbum und diesmal mit Namen: "wenn die Nacht am tiefsten". Heinrich Böll schickt seine gesammelten Werke nach Lektüre und Anhörung von diesem Werk. Brüder im Geiste. Im selben Jahr verlassen die Scherben Berlin, ihr angestammtes Pflaster, die Stadt ihrer Siege und Niederlagen, die Frontstadt mit der ungeheuren Energie (keine Power ohne Mauer, sagen die Berliner). Stadtflucht. Ziel: Fresenhagen. Wo ist das? In Nordfriesland. Die Bauernhofidylle. Viele winken ab. Aber sind die Scherben keine Menschen? Politsentimentalität.?!?
Aber so einfach ist das Landleben nun doch nicht. Kohle und Kohlen fehlen, und einige kriegen kalte Füße und hauen ab nach Berlin. Die übrigen machen die Kasse wieder flott durch Auftragsarbeiten, das sind Kinderplatten, Theater- und Filmmusik. Die Scherben waren auch irgendwie beleidigt, erzählt Rio während des Essens. Dieser ganze Rummel um Udo L. Als hätte es "Ihre Kinder" nicht gegeben, und die Scherben nicht. Nichts gegen Udo, aber die Pioniere waren vergessen, oder es steht was Verstümmeltes in den Blättern und Zeitungen.
Endlich 1980 sind die Geschäfte geregelt und alles geht seinen ......... Gang. Marius del Mestre, Ex-Tempo-Gitarrist und mit der unbeweglichsten Elvis-Tolle aller Zeiten bestückt, steigt bei den Scherben ein. Rio Reiser singt (fast) nur noch, R.P.S. Lanrue, Kai Sichtermann und Funky K. Götzner sind dabei. Den schönen Hannes Eyber, der so beredt erzählen kann, wie Rosa von Praunheims Underground-Verständnis zu verstehen ist, stößt als Berater und Produzent zu den Scherben. Das Ergebnis heißt Ton, Steine, Scherben IV, das schwarze Album. Was den Beatles mit dem weißen Album recht, das ist den Scherben mit dem schwarzem billig.
Eine ungeheure Bandbreite verschiedenster Musikstile, Chaos und Melancholie, Liebeslieder, Rocker, Reggae. Lustiges, Triviales, Weltalltag in Fresenhagen, Nordfriesland. Ein schönes Stück Musik.
Im Januar 1982 ist es soweit: die Scherben gehen auf Tour. Der erste Auftritt auf westdeutschem Boden, in Bonn der langweiligen Bundeshauptstadt, ist - meiner Ansicht nach - ein Reinfall. Enttäuscht fahr' ich nach Hause. Aber Premieren sind so eine Sache. Eine Woche später in Köln finde ich sie klasse. Die Jungs sind auf Betriebstemperatur, und am besten sollte jeder, der bis hierher gelesen hat, selbst zu einem Konzert gehen und schnellstens ein paar Scherben-LP's ordern, damit den Jungs die Luft nicht ausgeht, wer kämpft, braucht langen Atem.
Macht kaputt was euch kaputt macht / Wir streiken (Single)
Aufgenommen im Tonstudio am Kottbusser Damm, Berlin. 1970.
Ton: Klaus Freudigmann.
Warum geht es mir so dreckig (LP)
Aufgenommen im Tonstudio Admiralstr. Berlin und (Live) alte Mensa TU. 1971 1971.
Ton: Klaus Freudigmann.
Keine Macht für Niemand (Doppel LP)
Aufgenommen im Alsterstudio-Hamburg und Tonstudio Admiralstr. Berlin. 1971.
Ton: Richard Borowski und Klaus Freudigmann.
Wenn die Nacht am tiefsten... (Doppel LP)
Aufgenommen im Alsterstudio Hamburg 1974.
Ton: Richard Borowski
Tonsteinescherben IV (Doppel LP)
Aufgenommen im David Volksmund Studio Fresenhagen/NF. 1980.
Ton: Ton Steine Scherben
Herr Freßsack und die Bremer Stadtmusikanten (LP)
(Mit Hoffmanns Comic Teater)
Aufgenommen Tempelhofer Ufer Berlin. 1973.
Ton: Klaus Freudigmann
Teufel hast du Wind (LP)
(Hörspiel von Dietmar Roberg)
Aufgenommen im David Volksmund Studio Fresenhagen/NF und Medienzentrum Berlin. 1976.
Ton: R.P.S. Lanrue, Rio Reiser und Gerd Möbius
Entartet (LP)
(Mit Brühwarm)
Aufgenommen im David Volksmund Studio Fresenhagen/NF. 1978.
Ton: R.P.S. Lanrue und Rio Reiser
Paranoia (LP)
(Mit Rote Rübe)
Aufgenommen im Daviv Volksmund Studio Fresenhagen/NF und Alsterstudio Hamburg. 1976.
Ton: R.P.S. Lanrue, Rio Reiser und Richard Borowski.
Mannstoll (LP)
(Mit Brühwarm)
Aufgenommen im David Volksmund Studio Fresenhagen/NF. 1977.
Ton: R.P.S. Lanrue und Rio Reiser
FILMMUSIK:
Fünf Finger sind eine Faust (Boehme) 1970
Eine Prämie für Irene (Sanders) 1971
Schulkampf (Bitterli) 1972
Oma-Killer (Kramer) 1976
Der achte Tag (Möbius) 1978
Willy und die Kameraden (Kopetzky) 1978
Die Nacht mit Chandler (Noever) 1978
Total vereist (Noever) 1980
THEATERMUSIK:
Moritz Tasso (Hacks) 1972 TAT/Frankfurt
Martha die letzte Wandertaube (Roberg) 1974 TAT/Frankfurt
Feuerzirkus (HCT) 1975 Theater am Ostwall/Dortmund
Struwwelpeter Revue (HCT) 1975 Theater am Ostwall/Dortmund
Paranoia (Rote Rübe) 1976 Rote Rübe
Männercharme (Brühwarm) 1977 Brühwarm
Liebe, Tod und Hysterie (Rote Rübe) 1977 Rote Rübe
Nymphomannia (Brühwarm) 1978 Brühwarm
Transplantis (Transplantis) 1978 Transplantis
Meschugge (Rote Rübe) 1979 Rote Rübe
Märzstürme (HCT) 1981 Hoffmanns Comic Teater





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