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Datum

00.05.1983

Medium

Musik Express/Sounds

Ausgabe

0

Seite

56

AutorIn

Rainer Jogschies

Zuhause bei Ton, Steine, Scherben

Fluchtpunkt Fresenhagen

Das Etikett "Politrock-Band der ersten Stunde" hören sie heute gar nicht mehr gern. Die Gruppe, die vor mehr als einem Jahrzehnt den Soundtrack für die politische Linke lieferte, möchte inzwischen nicht mehr auf ihr Agit-Prop-Image ("Keine Macht für Niemand") festgelegt werden. Die Berliner Straßenkämpfe liegen in ferner Vergangenheit - die Scherben von gestern werden 1983 in ländlicher Abgeschiedenheit wieder zusammengesetzt. ME/Sounds besuchte die Gruppe auf ihrem Gehöft in Fresenhagen, wo sie sich gerade auf ihre anstehende Deutschland-Tournee vorbereitet.

Das dunkle Haus am Tempelhofer Ufer in Berlin ist verwaist, seit Jahren. Ein besetztes Haus nach dem anderen wird geräumt. Die Stimmung in der Frontstadt ist mies, spätestens seit die Fronten so klar wie heute sind. Berlin ist (k)eine Reise wert. Devise: nur möglichst weit weg von da.
Samstag früh in einem Reise-Stau steigert sich mit jedem Kilometer das Gefühl, an einer kollektiven Republikflucht beteiligt zu sein.
Ich frage mich, ob die Neue Linke der Rockband Ton Steine Scherben zurecht ihre Flucht aufs Land vorwarf. Wir verpassen, wie jeder, den Holzwegweiser auf den Waldweg nach Fresenhagen. Das verfallendste unter den zehn verstreut liegenden Häusern ist es.
Die Stille nach dem Abstellen des Motors ist atemberaubend. Am Tempelhofer Ufer wurden die Scherben noch gleichmäßig von der U-Bahn, die auf der Höhe ihrer WG die Stahlbrücke entlang quietschte, der Ausfallstrasse vor dem Haus und dem Lieferverkehr vom Kühlhaus gegenüber wach gehalten.
Jetzt sind wir anderthalb Stunden zu spät und Nichts und Niemand, außer dem bescheuert lieben Köter Fritz, rührt sich. Die Haustür ist offen, Klingel gibt's nicht - doch ein wenig alte Zeit.
Als WG noch Pflicht, Freude und politische Mission war, waren am Tempelhofer Ufer sogar die Klotüren ausgehängt, um privatistischen Rückzügen in alte beschissene Rollen vorzubeugen. Im dunklen Flur ist hinten zur Innenhoftür eine unaufgeräumte Werkzeugbank auszumachen, die Altenteil für eine halb versteinerte Katze ist.
In der Küche steht Angie am Abwasch. Sie ist bei den Scherben, seit sie vierzehn wurde. Mit Kai, dem Bassisten, hat sie ein Kind. Das sitzt jetzt mit "Funky" K. Götzner, dem rührigen Drummer, am Tisch und versucht sich die Schoko-Ente und den Osterhasen zu angeln.
Funky blättert in der "Bravo", die er für "R.P.S. Lanrue", den Ur-Scherben Ralph Steitz, gekauft hat: "Er liebt Nena auf Titelbildern."
Funky ist furchtbar unausgeschlafen und unaufgeräumt, aber zur Stelle. Er macht sich sofort ans Kochen der nächsten großen Kaffeekanne, erbietet sich, uns ein paar Brote zu schmieren und eilt sich, uns von der ganz frischen Kuhmilch nachzuschenken.
Obwohl wir verhalten plaudern, scheint man uns überall im Haus bemerkt zu haben. Martin Paul, der neue Pianist, kommt. Kai Sichtermann wuselt von irgendwo heran, macht einen abgespannten Eindruck - vielleicht hat ihn die kleine Lisa nicht schlafen lassen. Kai, Kind und Angie wohnen ein paar Kilometer entfernt.
"Rio Reiser", der Ur-Scherbensänger Ralph Möbius, steht zerknittert und ungläubig im Türrahmen und stiefelt grußlos an uns vorbei zum Klo. Lanrue kann uns gar nicht bemerkt haben, kommt aber trotzdem, wie bestellt, aus seinem umgebauten Hühnerstall-Domizil im Innenhof. Die vier Katzen, Fritz und diverse Mäuse halten sich im Hintergrund.
Die morgendliche Vollversammlung - Claudia Roth, die "Managerin" ist auch dazugestossen - wird zu herber Kritik an Funky genutzt. Der hat, wie immer, eine viel zu große Zahnbürste eingekauft. Wie? Jedenfalls möchte die Band gerne langfristig einen Werbevertrag mit Merfluan-Zahnsalz abschließen, um so die Solidarität zwischen unabhängiger Plattenproduktion und unabhängiger Zahnsalzproduktion zu demonstrieren und Werbepackungen abzustauben.
Samstag bei Scherbens geht schwerfällig an. Um fünf vor zwölf kommt der Postwagen vorgefahren. Für jeden Scherben ist eine bunte Quickschuh-Reklame dabei, ein Brief vom Finanzamt für Funky, zweimal irgendwelche Krankenversicherungen und einmal Jens aus Burg/Fehmarn. An, Ton Steine Scherben, Jenseits von Eden, 2262 Fresenhagen 11" schreibt der und legt einen zwanzig und einen zehn Mark Schein bei, weil ihm "zu Ohren gekommen ist", daß es eine neue Scherben-LP geben soll; und da hätte er sich gedacht, weil sie doch so "an der Quelle" säßen...
Wie Jens hängt noch eine ganze Generation an der Band, egal ob sich die Zeit oder die Musiker längst verändert haben. "Nach 15 Jahren hatten wir jetzt erstmals die technischen Möglichkeiten, die andere Bands schon in der ersten Stunde haben", philosophiert Lanrue über das neue Album - in 24-Kanal aufgenommen, von einem richtigen Tontechniker.
Die Scherben mußten ihr zusammengespartes Achtspurstudio im Hühnerstall für das Profi-Equipment wegpacken, aus dem mit rauhen Hölzern und vielen Sperrmüll-Teppichen isolierten Raum wurde Funky bei Schnee und Frost in den 20 Meter entfernten ehemaligen Kornspeicher samt Drums verbannt. Lanrue hatte das Glück, in seinem hellen holzgetäfelten Zimmer zu spielen.
Der Stress der Aufnahmen in Fresenhagen ist vergessen. Langsam stellt sich der Stress der Tourneevorbereitung ein: der große Fritz Rau und Hage Hein, Lippmann & Rau & Shitmann & Blau also, haben gute Gigs organisiert. Mittwochs ist frei, wegen Fußball. Immerhin war Lanrue der "Fußballer des Jahres" im benachbarten Stadion. Seit die Band wieder hart arbeitet, ist er nicht mehr zum Spielen gekommen.
Im Hühnerstall wird jetzt von 11 bis 17 Uhr das Tour-Programm perfektioniert, abends wird an neuen Arrangements der Evergreens gefeilt. An "Keine Macht für Niemand" und "Rauch-Haus-Song" werden die Scherben wohl kaum vorbeikommen. Wenigstens wird der Band nicht mehr täglich die Tür eingerannt wegen interpretationsbedürftiger Songzeilen oder Vertonungswünschen. Das war der Fluchtpunkt Fresenhagen.
Die drängenden Ansprüche der Hörer gehen bei Scherbens Zuhause in der dörflichen Stille unter. Rio, Lanrue, Funky, Kai und Martin leben für sich. Jeder hat sein kleines Zimmer, in das er sich zurückziehen kann, wenn das nötig sein sollte. Denn die Provinz erstickt. Das Kino im Städtchen Leck bietet kaum Abwechslung, in Flensburg oder Rendsburg steppt auch nicht gerade der Bär, nur im Sommer lockt der Nordseestrand in 30 Kilometer Entfernung.
Die Idylle ist es nicht, jenseits von Eden, in Fresenhagen. Die nahe General-Thomsen-Kaserne läßt ihre Phantom-Bomber gerne und oft knapp übers Gehöft donnern. "Die stürzen wenigstens ins Meer wenn was ist", grübelt Funky und Angie malt schrecklich die Krater überall in der Gegend aus, die Starfighter hinterließen.
Lanrue interessiert der Dorfbeamte Schwarz mehr, der ihm dieser Tage amtlich beschied, daß "Bauen im Außenbezirk" verboten ist - und er deshalb sein Zimmer wieder zum Hühnerstall umbauen soll. Nachbar Funky auch. Das Studio soll auch weg. "Wir haben hier direkt und unmittelbar 30 Arbeitsplätze geschaffen", ärgert sich Rio.
Als die Scherben aus Berlin kamen, fanden sie einen Trümmerhaufen vor. Und Landwirte haben sie nie werden wollen. Bauern hatten ihnen geraten, den ganzen Mist einfach abzufackeln, aber sie hatten behutsame Renovierung vorgezogen.
In der Küche ist alles Gedruckte gedreht und gewendet worden; das abonnierte "Nordfriesland Tagesblatt", die "Welt", die "Bravo", die "Tageszeitung", das "Bocuse-Kochbuch" (das Lisa mit Kaffee tränkte) und der druckreife Brief von Jens.
Rio und Lanrue sehen abends viel dänisches Fernsehen, weil die Spielfilme in Originalfassung gesendet werden - und sie auch erfahren, was in unserer Republik los ist. Der Kohl-Sieg ist für Rio das letzte große Erlebnis gewesen. Während die Medien von Jubel in In- und Ausland hofberichteten, waren in Dänemark kritische Kommentare zu hören.
Rio spielt Snoopy-Tennis, ein albernes kleines Telespiel, das er beim Abmischen in Hilpoltstein geschenkt bekommen hat. Nein, Anhänger von Charlie Brown und den Peanuts ist er nicht, sagt er und fängt an, die E.T.-Sammelbilder zu sortieren, die jemand vorgestern liegengelassen hat.
Martin und Kai machen uns einen Imbiß, bevor wir endlich langsam aufbrechen. Ein gutbürgerlicher Linsen-Eintopf köchelt vor sich hin. "Die Zeit, wo Nikel noch Salat mit Gummibärchen und Fanta angemacht hat, ist zum Glück vorbei", stöhnt Rio.
Die Band ist allein scheint es diesmal. Nikel Pallat, früher Mitstreiter, verkauft Platten bei Bremen, die Frauenband "Carambolage" ist aus Platzgründen ins Nachbardorf gezogen. Jetzt ist nur noch eintöniger Tagesrhythmus mit viel Arbeit.
Die Küche wird immer wieder von Lisas Chaotisierungs-Arbeiten aufgeräumt, und nur Fritzens Hütte sieht aus wie ein "galaktischer Misthaufen", meint Rio, während Lanrue die geraubten Pampers, kaputten Tennisbälle, Knochen und Dosen als "New York Environment" einordnet.
Lanrue zieht sich zum Mittagsschläfchen vor der Sportschau zurück, Kai liest in Claudias Zimmer ein Buch, Claudia würzt die Linsen immer wieder mit Knoblauch nach, Martin ist irgendwo, Funky hat das Magazin der Industrie- und Handelskammer zu Kiel und Flensburg "Wirtschaft zwischen Nordund Ostsee" entdeckt und vertieft sich in die Ausgabe "Export - nichts leichter als das!"

Anmerkungen

oder war es Seite 29-33? (check)
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