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Datum

00.00.1973

Medium

Hundert Blumen

Ausgabe

Seite

AutorIn

Elle, Beeny, Tommy und Stöffy

Die müden Stars

Was ist mit den Scherben los?

Unser Reporterteam bringt Licht in das Wirrwarr der Gerüchte um Deutschlands heisseste Agit-Rock-Polit-Top-Band

Eines Tages war es nicht mehr auszuhalten. "Machen die Scherben Schluss?", "Wird es die heißeste Polit-Rock-Band Deutschlands bald nur noch in Konserven geben?", "Der Spaltpilz auch bei den Agit-Prop-Rockern?" So schwirrten die Fragen durch die Redaktionsbutze.

Wir (das waren Elle, Beeny, Tommy und Stöffy) packten also das Uher mit dem Mikro in die Packtasche unserer Redaktions-Guzzi und brausten zum Tempelhofer Ufer 32. Beängstigende Stille um das alte Mietshaus, an dem nur ein müder Lappen mit der Aufschrift "Mieterstreik" herunterbaumelt. "Na, immerhin" denken wir, "ganz abgeschlafft sind die Jungs jedenfalls noch nicht!" In der unaufgeräumten, aber geräumigen 8-Zimmer-Wohnung gähnende
Leere. Ausgeflogen? Nein, nicht ganz. In der hintersten Ecke des milde von der Westsonne durchfluteten Erkers zwei Scherben. Fiffi und Schlotterer. Beim Schachspiel. "Na so was!" denken wir uns und setzen uns dazu. Schlotterer zieht. Bauer bedroht Dame. Fiffi pariert müde mit einem Damensprung aufs Pferd. Was ist nur mit den Jungs los? Sind das noch die harten Burschen, wie wir sie von zahllosen Rockfeten, Teach-ins, Agig-drops, Demos, Jugendzentren, Zirkuszelten-Festivals und Fabrikhallen kennen? Die Macher von "Macht kaputt was euch kaputt macht"? und "Warum geht es mir so dreckig"? Fragen, nichts als Fragen, und die beiden spielen Schach, Fiffi mit gelassener Eleganz in der Abwehr, Schlotterer eher ungestüm beim Angriff.

Wir räuspern uns ungefähr 12 mal, bis Elli die erste und schon entscheidende Frage stellt:

Elli: Herr Schlotterer, ist es richtig, dass die Scherben am Auseinanderfallen sind?
Schlotterer: Warum wollt ihr das wissen, hm? Ist doch wohl unsere Sache, wa. Ihr schreibt doch auch nicht, wenn einer von euch mal den Bums-Partner wechselt, oder?
Tommy: Aber das ist doch was anderes. Ihr seid eine bekannte Gruppe.
Fiffi: Genau. Ein bisschen zu bekannt. Wir brauchen jetzt mal ein bisschen Ruhe.
Beeny: eine kreative Pause, nicht?
Fiffi: Kannst du so nennen, ja. Wir sind jetzt drei Jahre auf Achse, dauernd Action, neue Lieder, Auftritte, die Platten, der ganze Rummel...
Stöffi: Ist das wirklich alles?
Schlotterer: Also, ich mach jetzt Bierfahrer. Ich will mal unter anderen Leuten leben, als ewig die linken Intellektuellen, die Studenten und so. Wie neulich auf dem Mariannenplatz, erster Mai, wa. Da waren auch wieder nur die ganzen Typen von der Links-Szene, wa. Nee, ich also hab das jedenfalls satt.
Elli: Also mehr Kontakt mit der Bevölkerung?
Schlotterer: Ja, und zwar mit der arbeitenden. Sieh mal, bei den Linkswichsern ist das so: ein Linker setzt sich hin und schreibt ein Buch über Arbeiter. Ein anderer verkauft es an einen dritten, der liest es und dann steht dieses Buch jahrelang zwischen ihm und dem Arbeiter...
Tommy: Und was wollt ihr jetzt machen?
Fiffi: Ich überleg noch, was ich machen werde. Die anderen wissen es schon. Zwei sind in England. Einer macht Kinderladen, Nickel sucht einen Job und so. Jedenfalls brauchen wir Geld...
Schlotterer: Wollt ihr mal unsere Zeitung kaufen? Kostet 2,50. Wir brauchen einfach Kohle zum Leben, wa.
Beeny: Wird es ein Come-back geben?
Herrgott, wissen wir doch alles nicht. Wir machen jetzt erst mal eine Pause. Ein paar Monate Ruhe und dann werden wir sehen. Und solange möchten wir Ruhe haben und auch nicht von irgendwelchen Reportern ausgefragt werden.

Anmerkungen

Fiffi = Spitzname für R.P.S. Lanrue
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