Karte

Datum

26.06.1972

Medium

Schwäbisches Tageblatt

Ausgabe

0

Seite

0

AutorIn

hor

„Wir hol’n jetzt unser Haus“

Jugendliche besetzen ein Gebäude in der Karlstraße / KraIewski: Rechtswidrig aber berechtigt

In der Nacht zum Sonnabend setzten sich vor der Neuen Mensa Scharen von Jugendlichen in Bewegung, um das seit drei Monaten leerstehende Gebäude Karlstraße 13 (neben der Gaststätte „Wienerwald") zu okkupie­ren. Es sollte sich bei dem Haus, wie sie glaubten, um ein städtisches han­deln. Besitzer, ist jedoch die Kreissparkasse. Sie will es sobald wie mög­lich abreißen lassen und an seiner Stelle ein neues errichten. Am Vortag der Besetzung war ein Ultimatum der Jugendlichen abgelaufen. In ihm hatten sie folgendes gefordert: 1. Für die Übergangszeit bis zur Renovie­rung des Schwabenhauses gleichwertige Ersatzräume in der Innenstadt und 2. eine öffentliche Stellungnahme des Gemeinderats, welche Vorstellungen er betreffs der offenen Jugendarbeit des Jugendzentrums pädagogisch und finanziell hat. Das Ultimatum war ohne Antwort geblieben. Gestern nachmittag machte Oberbürgermeister Hans Gmelin nun den Jugendlichen ein großzügiges Angebot, das sie mit Einschränkungen annahmen. Eine Lösung des Konflikts zeichnet sich ab.

Obwohl schon bei der Eröffnung des Jugendclubs Paulinenstraße am 10. Juni auf die Frage, was man denn überhaupt gegen die Stadtverwal­tung unternehmen könne, angedeu­tet worden war, daß es immerhin einige freistehende städtische Häuser gäbe, die besetzt werden konnten, sickerte nichts über die Pläne der exilierten Schwabenhäüsler durch. Ihre Aktion kam vollkommen über­raschend, und sie war sorgsam vor­bereitet und inszeniert worden. Nur eines ging daneben: Das besetzte Haus gehört eben nicht der Stadt, ge­gen die sich die Aktion richtet.

Emotionale Einstimmung

Es begann am Freitagabend in der Neuen Mensa. Nicht etwa, daß die Agitprop-Gruppe „Ton, Steine, Scher­ben" dort die Initialzündung gegeben hätte. Die Hausbesetzung war schon längere Zeit vorher geplant worden. Aber die Berliner Gruppe, hatte zum Beispiel hektographierte Zeitschrif­ten. mitgebracht, in denen über die gewaltsame Räumung eines von Berliner Jugendlichen besetzten Schwe­sternheimes berichtet wurde, und zu­mindest der Name Georg-von-Rauch-Haus war den Tübingern dann Vor­bild: Sie gaben dem Gebäude in der Karlstraße Richard Epples Namen.

Die „Ton, Steine, Scherben"-Leute machten eine aggressiv emotionalisierende Musik. Ihre Texte griffen die Arbeit allgemein an, nicht aber die entfremdete Arbeit, die Produkte, nicht aber die Produktionsverhältnis­se ... Auch wenn sie diskutierten, sprach aus ihren Beiträgen oft blin­der Aktionismus, der aber bei der nachfolgenden Aktion nie die Ober­hand gewann.

Etwa 400 Jugendliche saßen dicht gedrängt auf dem Fußboden der Neuen Mensa. Vorerst nichts von Hausbesetzung. „Ton, Steine, Scher­ben" heizte ein. Dann Informationen über das Jugendzentrum: Die Stadt gewähre ihm keinerlei finanzielle Unterstützung, und es habe auch acht Wochen nach dem Brand noch keine Räume.

Jugendreferent Roland Ensinger meldete sich zu Wort: Die Stadt werde für diesen Abend die Saalmiete übernehmen, teilte er mit, und der Oberbürgermeister lasse zur Zeit ein für das Jugendzentrum in Frage kommendes Objekt prüfen, „Ihr re­det unheimlich viel, ihr prüft un­heimlich viel, aber herauskommen tut dabei nie etwas. Das ist überall so", meinte ein Mitglied der Agit­prop-Gruppe. „Wir aber haben kein Haus und müssen jetzt überlegen, was wir nachher machen, um eines zu bekommen." Stadtrat Detlev Majewsky forderte darauf eine sach­liche Diskussion anstelle von Agita­tion. Die SPD-Fraktion trete im Ge­meinderat, wenn es nur gehe, für die offene Jugendarbeit ein, aber sie sei eben zu schwach. Wenn die Mehr­heitsverhältnisse anders wären, wäre es auch die Situation der Jugendlichen. Ein „Ton, Steine, Scherben"-Mann: „Wir wollen ein Haus. Es wurde gesagt, hier sollen ein paar leerstehen!" Majewsky: „Also heute abend kriegt ihr ganz sicher kein Haus." Ein Mitglied des JZ-Fünfergremiums: „Wir holen jetzt unser Haus!" Das war etwa 23.30 Uhr, we­nig später hatten sie es.

Das Gebäude Karlstraße 13 füllte sich mit Jugendlichen. Die Räume wurden auf ihre Verwendbarkeit hin geprüft. Man holte Schlafsäcke. Eine permanente Diskussion begann.

In der Nacht schliefen etwa 70 Ju­gendliche im Haus. Am nächsten Morgen wurden die „lieben Tübin­ger" dann durch ein Flugblatt dar­über informiert, weshalb der unge­wöhnliche Schritt notwendig war: Die Behauptung, „es gäbe keine Räu­me, veranlaßte uns, vor aller Öffent­lichkeit zu beweisen, daß das falsch ist! Außer dem von uns besetzten Haus gibt es noch mindestens zwei andere, die ebenfalls leerstehen!"

Das besetzte Haus in der Karlstraße: es gehört nicht, wie erst angenommen, der Stadt, sondern der Kreissparkasse. Sie will auf dem Gründstück eine Filiale bauen lassen.

Um neun Uhr trafen sich die Tü­binger Behördenleiter im Landrats­amt zu einer Sitzung. Danach gab Landrat Oskar Klumpp eine mündliche Stellungnahme in seiner Funktion als Vorsitzender des Ver­waltungsrates der Kreissparkasse ab: Das Haus müsse auf jeden Fall ge­räumt werden; höchstens dann lasse er mit sich reden. Wegen der offenen Jugendarbeit möge man sich an die Stadt wenden, an den Oberbürgermeister. Damit die Sache aber nicht eskaliere, und um einen Spielraum für Verhandlungen zu ermöglichen (Oberbürgermeister Gmelin war am Samstag nicht in Tübingen), hatte der Landrat darauf verzichtet, das Haus sofort durch die Polizei räu­men zu lassen.

Und auch im neuen Jugendzentrum wurde unentwegt beraten. Am Sams­tagvormittag einigte man. sich auf folgende Forderungen: 1. Bis zum Abbruch soll das Haus von der Stadt für das Jugendzentrum angemietet werden. 2. Das Schwabenhaus soll renoviert und für die Übergangs­zeit Ersatz gesucht werden. An der Diskussion nahmen die beiden SPD-Kreistagsmitglieder Dr. Edith Schieferstein und Dr. Wolfgang Kralewski teil. Kralewski versprach, sich am Montag, also heu­te, im Verwaltungsrat der Kreisspar­kasse für die erste Forderung einzusetzen. Das Vorgehen der Jugendlichen bezeichnete er als „rechtswidrig, aber berechtigt".

Solidaritätsadressen gingen unter anderem vom Kepler- und Wildermuthgymnasium, der Cinemathek Tübingen, dem Schülerclub Wanne/ Winkelwiese, der DKP-Ortsgruppe, dem Zimmertheater, dem AStA und der Schülerinitiative Wilhelmshaven ein. SPD und FDP unterstützten in Resolutionen die „berechtigten In­teressen der Jugend".

Am Samstagvormittag große Mö­beldemonstration: Stühle und aller­lei Hausrat wurden vom ramponier­ten Schwabenhaus zum „Richard-Epple-Haus" geschleppt. Um 18 Uhr begann ein ad hoc vorbereitetes Er­öffnungsfest. Abends wurde das Haus dann brechend voll. Musik und farbiges Licht; um die beiden Land­tagsabgeordneten Roland Hahn (SPD) und Hinrich Enderlein (FDP) bildeten sich Diskussionsgruppen. Immer die Frage: Wie wird die Bürokratie reagieren? Unter den Jugendlichen hatten sich schließlich zwei Positionen herausgebildet: Einige verstanden die Hausbesetzung nach wie vor als Demonstration und waren dafür zu taktieren, andere wollten das Haus unter allen Um­standen halten.

Akzeptables Angebot

Inzwischen war Oberbürgermeister Hans Gmelin wieder im Lande. Mit ihm und Verwaltungsrat Walter Sto1z sprachen am Sonntagmittag in der Derendinger Turnhalle zwei Mitglieder des JZ-Fünfergremiums. Gmelin machte ihnen ein Angebot:

1. Wenn das Haus bis heute, Mon­tag, 9.30 Uhr verlassen würde — da nämlich tagt der Verwaltungsrat der Kreissparkasse —, könne er sich da­für einsetzen, daß die Stadt das Ge­bäude bis Ende des Jahres anmiete. Dann erst wird aller Voraussicht nach mit dem Abbruch begonnen. Sollte der Verwaltungsrat zustim­men, was Gmelin annimmt, könnte es in zehn Tagen vom Jugendzen­trum bezogen werden.

2. Die Stadt hat auf der Trasse des künftigen Schloßbergtunnels (Schleifmühleweg) ein Gebäude ge­funden, in dem ab 1. August außer dem Büro des städtischen Jugend­referenten und verschiedenen Ju­gendgruppen auch das Jugendzen­trum Unterschlupf finden könnte — aber nur dann, wenn das besetzte Haus heute um 9.30 geräumt ist.

3. Bis zum 1. August wird auch entschieden sein, ob das Jugendzentrum aus dem Nachtragshaushalt einen jährlichen Etat von 35 000 DM bekommt. Gmelin hält es für ziem­lich sicher.

Bis 21 Uhr wollte der Oberbür­germeister Bescheid haben, um sich bei der Sitzung des Verwaltungsrates danach richten zu können. Auf einer Vollversammlung faßten die Jugendlichen folgenden Beschluß: Sie werden das Haus heute um neun Uhr verlassen, hatten aber einige Wünsche: Das Mobiliar soll bleiben wo es ist; das Haus darf nach 9.30 Uhr nicht von der Polizei besetzt werden; nach einem positiven Be­schluß des Verwaltungsrates wollen sie so schnell wie möglich einziehen; zwei Vertreter des Jugendzentrums sollen schließlich als Beobachter an der Sitzung des Verwaltungsrates teilnehmen dürfen (siehe auch unser „ÜBRIGENS").

Lesezeichen setzen:
Kommentare

noch keine Kommentare
Kommentar schreiben



Kommentare werden von uns überprüft, bevor sie auf der Seite erscheinen.