Datum
00.01.2010Medium
SiegessäuleAusgabe
01/2010Seite
6AutorIn
Paul SchulzKarneval für Rio
Zu Rio Reisers 60. Geburtstag lässt ihn die Szene mehrfach wiederauferstehen
Zum 60. wird es Zeit, den Mann mal zu erden. Rio Reiser als linke Ikone zu feiern, geschieht oft mehr, um die Feiernden aufzuwerten, weniger, weil es irgendwie mit ihm zu tun hätte. Denn Reisers Biografie ist eigentlich typisch für Berlinbewohner: als Jugendlicher aus der westdeutschen Provinz hergezogen, ein paar Jahre wild gelebt und dann ab aufs Land, Schafe oder Kinder hüten. Natürlich war er zeitlebens links, empfand die Vereinnahmung als „Sprachrohr und Jukebox“ durch die linke Szene aber schon nach nur fünf Jahren mit Ton, Steine, Scherben als so quälend, dass er 1975 mit den anderen Mitgliedern der Band lieber im nordfriesischen Fresenhagen eine
Kommune aufmachte, als weiter in Berlin-Kreuzberg den Vorreiter einer Bewegung zu geben, von der er sich nie verraten, aber öfter mal verkauft fühlte.
Ihn als schwule Ikone zu feiern, passt da schon eher: Seit 1970 war er out, arbeitete viel, gern und immer wieder für die schwule Szene. Dass er 2009 eher für links als für schwul gehalten wird, hat damit zu tun, dass die linke Szene in Westberlin, genau wie Ton, Steine, Scherben, ein Herrenclub und Homosexualität ein linker Nebenkriegsschauplatz war, der sich mit der Weltrevolution von selbst erledigen würde und nicht oft der Rede wert war.
Was Rios Liebesleben nicht einfacher machte und ihn oft ziemlich unglücklich. Und zwar bis zu seinem Tod am 20. August 1996.
Wer Reiser zu seinem 60. am 9. Januar 2010 hochleben lassen will, hat dazu gleich mehrfach Gelegenheit. Karneval für Rio: Das Schwule Museum eröffnet am Geburtstag des Sängers und Schauspielers die bis März laufende Ausstellung „Rio Reiser: Allein unter Heteros“, die den öffentlichen und privaten Reiser in teilweise erstmals ausgestellten Exponaten zeigt und vom Rio Reiser Archiv in Fresenhagen großzügig unterstützt wird. Am Abend des 9. Januar wird zu diesem Anlass im Schwuz „Live in der Werner-Seelenbinder-Halle“ noch einmal gezeigt, die Dokumentation eines ganzen Rio-Konzerts aus dem Jahr 1988. Rio Reiser noch mal live zu sehen, ist auf Erden nicht möglich, aber „Jan Plewka singt Rio Reiser“ kommt ziemlich nah ran. „Rio ist mir nah“, sagt der Selig-Frontmann und meint, dass er Rio auf der Herzensebene versteht und sich verstanden fühlt. Wahrscheinlich deswegen singt Plewka am 8. Januar im Deutschen Theater nur wenige der Agitpropsongs, aber fast alle von Rios Liebesliedern, von „Junimond“ bis „Halt dich an deiner Liebe fest“. Es wird seinen Grund haben, dass es diese Lieder sind, die nun schon die vierte Generation mitsingen kann.



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